no more instagame

Ich habe fast alle meine Instagram-Beiträge archiviert. Storyhighlights aufgelöst. Alle IGTVs und Reels gelöscht. Ich habe meine Facebook-Seite offline genommen und auf meinem „privaten“ Facebook-Profil sämtliche Beiträge archiviert und Einstellungen auf privat gestellt. Ich habe TikTok (was ich eh nur aus beruflichen Gründen habe, um am Puls der Zeit zu bleiben) als privaten Account eingestellt. Ich habe Clubhouse deinstalliert. Ich habe mein XING-Profil gelöscht. Ich habe fast alle Twitter Beiträge gelöscht. Ich habe auf meiner Homepage einige Blogposts und Seiten offline genommen.

Ich habe überlegt, den Podcast und meine Kolumne offline zu nehmen. (Aber jetzt entschieden, dass ich sie nur für beendet erkläre, aber noch für eine Bewerbung brauche.) Am liebsten würde ich alles, was im Internet von mir zu sehen ist und mit meinem Namen verknüpft ist, löschen. Auch so nervige, maximal unnötige vermeintlich journalistische Beiträge, die ich in irgendeinem Praktikum oder ähnliches Mal schreiben musste. Die mit meinem Namen versehen sind, obwohl sie nichts mit mir zu tun haben. Obwohl 100 Hände sie im corporate Style redigiert haben. Obwohl sie boulevardesker Müll sind.

Der Gedanke, dass alles für immer im Internet stehen wird, finde ich schrecklich. Was ich vor x Jahren geschrieben habe, hat im Zweifel heute nichts mehr mit mir zu tun (oder hatte es nie), aber steht da so, als wäre es aktuell. Ich will nicht für immer so entblößt im Internet stehen.

Ich habe mir jahrelang etwas aufgebaut. Aber ich ertrage es schon länger nicht mehr. Ich habe keine Lust mehr, Projektionsfläche zu sein. Mein Gesicht und mein Privatleben herzugeben. Mich von allen bewerten zu lassen. Ich habe das sicherlich nicht gemacht, weil das so viel Spaß macht. Spaß macht das schon lange nicht mehr. Ja, es gab eine Zeit, da habe ich mich damit befreit und stark gefühlt. Aber ich fühle es nicht mehr. Menschen sind so unglaublich übergriffig. Und nein, nicht nur antifeministische cis Männer. Leute legen (vor allem auf Instagram) eine Erwartungshaltung an den Tag, von dem was sie glauben, was ich leisten muss und was sie mir sagen dürfen. Distanzlos. Unverschämt. Leute mit anonymen, privaten Profilen und 100 Follower*innen. Empathielos ist das.

Ihr konsumiert FREIWILLIG meine KOSTENLOSE Arbeit und meine Gedanken. Ich bin ein Mensch. Ein einzelner Mensch. Kein Medienunternehmen. Auch kein Lexikon. Nicht die Auskunft. Und nur weil ich über Themen spreche, die als sehr privat und intim gelten, ist das keine Einladung mir intime Fragen zu stellen und ungefragt Ratschläge zu geben.

Ich habe ein bisschen Angst, dass ich mir mit meinem Rückzug etwas für die Zukunft verbaue, wenn ich alles offline nehme – sind ja meine Referenzen, Zeugnis meiner Arbeit. Auf der anderen Seite habe ich jetzt einen Job, der Referenz genug sein sollte und bei dem Social Media nach wie vor meine Arbeit sein wird. Und ich kann ja immer noch in den Lebenslauf schreiben, was ich alles gemacht habe und dass es jetzt halt offline ist.

Ich frage mich auch: Bin ich jetzt dann schon gesilenced worden? Habe ich aufgegeben? Ziemlich lächerlich eigentlich alles. Habe nicht mal 5000 Follower*inne auf Instagram. Ich rede eh „nur“ über ein bisschen Sex, Beziehungskram und Haare. Auf der einen Seite polarisiert es trotzdem krass, auf der anderen Seite wird es als Banalität abgetan. Mir wird dann unterstellt, dass es mir hauptsächlich um Selbstdarstellung geht. (Again, wie kommt ihr auf die Idee, dass das Spaß macht?) Den einen bin ich zu radikal, den anderen nicht radikal genug. Wer sich mal ernsthaft mit meinen Inhalten auseinandergesetzt hat, würde wissen, dass ich niemandem eine Lebensform aufzwingen möchte. Dass ich möchte, dass alle Menschen selbst entscheiden, was sie mit ihrem Körper machen. Dass Menschen andere Menschen nicht für ihre Lebenswürfe nicht verurteilen. Dass ich gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit bin, sowie der Verharmlosung dieser.

Mensch würden wissen, dass ich nicht nur darüber rede. Dass ich durchaus Systemkritik übe. Aber maximal polarisieren ist einfach nicht mein Ding. Ich wähle meine Worte gerne mit bedacht. Ich kenne mich gerne mit Dingen aus, statt Halbwahrheiten zu erzähle. Nur weil ich über etwas (noch) nicht spreche, heißt es nicht, dass ich mich damit nicht beschäftige. Ich erkenne den sogenannten Wohlfühlfeminismus und performativen Feminismus durchaus und finde ihn scheiße.

Aber der Scheiß kommt von allen Seiten. Entweder „von außen“ von Konservativen, aber auch von innen in Form von toxischem Aktivismus. Von dieser Plattform mal ganz zu schweigen. Ich sehe einfach nicht mehr, für wen ich das mache. Was ich mit Sicherheit nicht machen muss, ist mich von Leuten anpöbeln lassen, die offensichtlich keine Ahnung davon haben, wovon sie reden. Ich höre gerne Leuten zu, die eine andere Lebenswirklichkeit haben als ich, die sich mit anderen Themen auskennen als ich. Aber es gibt ein Spektrum an Themen, mit denen ich mich gut auskenne und möchte mir sicherlich nicht die Welt erklären lassen, von Leuten, die das 1. nicht tun und 2. sich absolut übergriffig verhalten.

Ich bin eine queere, weiblich gelesene Person. An dem „Feminismus“ von gewissen weißen, hetero cis Frauen habe ich kein Interesse. Wenn ihr nicht mal um eine Ecke gucken könnt, ist das nicht mein Problem. Einfach lächerlich, sich von meiner Queerness bedroht zu fühlen. Ihr könnt gern ausschließlich auf cis Männer stehen. Ist voll okay für mich. Ihr könnt gerne eure Weiblichkeit zelebrieren. Enjoy. Ihr könnt super gerne mit eurem Körper machen, was ihr wollt, auch wenn es etwas anderes ist, als ich mit meinem tue. Ich könnt auch monogam leben. Ihr könnt das alles machen. Ich bin ein großer Fan davon, dass Menschen sind, wer sie sind und tun, was sie möchten. Ich freue mich mit euch. Aber lasst mich und andere das auch tun, ohne selbst diskriminiernd zu sein.

Ich habe bezüglich meines bisherigen Schwerpunkts gerade eh nichts mehr zu sagen. Und generell keine Lust, mich zu irgendwas zu äußern in diesem Klima. Lieber hinter den Kulissen und gemeinsam mit anderen arbeiten. Finde ich nachhaltiger. „Richtig“ heiße Themen fasse ich eh selten an. Teile dann eher Beiträge von anderen und lasse sie unkommentiert. Ich sehe mit was für Scheiß Aktivist*innen, Politiker*innen und Journallist*innen, die viel bekannter sind, viel mehr Reichweite haben und sich viel doller positionieren als ich, konfrontiert sind. Ich habe großen Respekt dafür. Ich bin allen dankbar dafür, die wichtige Arbeit leisten. Ich finde das aber für mich persönlich auf keiner Ebene erstrebenswert. Warum sollte ich dann jetzt weitermachen?

Einige Menschen in meiner Bubble sagen immer öfter, dass sie auf all die Dynamiken keine Lust mehr haben. Manche haben Instagram schon verlassen. Ich habe schon neulich erzählt, dass auch ich mich mit mehr Themen und komplexer mit Themen beschäftige als es Instagram je zeigen könnte. Ich finde halt aber auch, dass es keinen Grund dafür gibt, sich öffentlich zu Themen zu äußern, von denen man (noch) keine Ahnung hat. Und kein Mensch kann von allem Ahnung haben.

Ich habe gemerkt, dass gerade die Zeit für mich ist, neuen Input aufzunehmen. Ich habe mich gerade leer erzählt. Jetzt ist für mich die Zeit für Gemeinschaftsprojekte und zum Sammeln von neuem Wissen und Inspirationen. Meine alten Themen bleiben zwar grundsätzlich wichtig (schließlich kriege ich bis heute Hate dafür), aber sie sind für mich auserzählt. Ich bin durch damit. Ich kann und will nicht für immer auf dieser Stelle stehen bleiben. Menschen hatten die Möglichkeit mir die letzten drei Jahre bei meiner persönlichen Entwicklung zuzugucken. Jetzt kommt etwas anderes.

Ich halte meine Arbeit aus der Vergangenheit für wertvoll. Ich glaube auch, dass diese Form von Arbeit geleistet durch andere Menschen auch nach wie vor und in der Zukunft wichtig ist. Ich glaub aber nicht, dass ein Mensch dies für immer tun kann/muss. Ich zumindest kann es nicht.

Auf dem Rücken meines Kolumnenbuchs steht: „Ich wollte ein Vorbild sein, das ich gerne gehabt hätte. Ich habe das Rad nicht neu erfunden. Das war auch nie mein Anspruch. Vermutlich sage ich selten Dinge, die noch nie jemand vor mir gesagt hat, aber ich glaube fest daran, dass je mehr Leute über feministische Themen sprechen bzw. sie repräsentieren, desto sichtbarer werden wir alle mit unseren feministischen Forderungen und Lebensentwürfen. Deshalb mache ich, was ich tue. Deshalb gibt es auch dieses Buch. Ich möchte Dinge aussprechen. Laut und öffentlich. All dem, was aufregt und was ungerecht ist, möchte ich einen Raum geben und es diskutieren. Es geht um Sex, um Beziehungsformen, um Schönheitsideale, um Missbrauch, um Queerness, um Aktivismus und so viel mehr. Weibliche und queere Sexualität wird immer noch bewertet. Sie ist nicht per se frei. Und letztendlich ist das der Grund, warum ich angefangen habe, mich mit Feminismus zu beschäftigen. Das war der Aspekt, der für mich die Initialzündung war, weil ich das in meinem Leben so stark gemerkt habe. Niemand sollte für seine Sexualität verurteilt und angefeindet werden. Wir sind noch weit davon entfernt, dass es Normalität ist, dass Frauen und Queers mit Sexualität so umgehen (können), wie ich (versuche), es zu tun. Deshalb sage ich: „Tragt Feminismus in die Welt, ich mach’s auch.““

Durch all das positive Feedback, was am Ende des Tages auch überwogen hat, weiß ich, dass ich meinen Teil beigetragen habe. Der Teil ist nicht weg, nur weil ich jetzt einen anderen Weg einschlage. Ich höre ja auch nicht auf, feministisch zu sein. Ich höre nicht auf, mich für soziale Gerechtigkeit stark zu machen. Ich kann nicht mit Gewissheit sagen, dass ich auf Instagram nie wieder poste. Aber jetzt gerade fühle ich mich zumimdest auf der sehr persönlichen Ebene damit nicht mehr wohl. Ich will nicht so weitermachen wie bisher. Denn es ist auch Teil des kapitalistischen Systems, wenn private Geschichten kapitalistisch ausgeschlachtet werden – auch wenn Mensch dies sogar freiwillig tut.

Bianca Jankovska aka Groschenphilosophin schrieb in ihrem Buch „Dear Girlboss, we are done“ dazu: „Das Private ist voyeuristisch und gewaltsam“. Als ich es letztes Jahr gelesen habe, habe ich nur halb zugestimmt. Ich schrieb: „Ich bin aber auch der Überzeugung, dass wir leider noch nicht an dem Punkt sind, wo man darauf verzichten kann, dass gewisse Personen über das Intimste sprechen, weil es an Vorbildern und Normalität mangelt. Das Stigma zu Themen wie z.B. Mental Health, Sexualität und Missbrauch ist nach wie vor existent. Aber die Gefahr, eines activism-burnout, der Redundanz und des never-ending Trauma ist sehr real und ist meiner Meinung nach eine Gradwanderung. Aber es bedarf weiterhin der Sichtbarmachung bestimmter Themen.“ Ich kann noch nicht sagen, ob ich es heute anders sehe oder ob ich bloß denke, dass ich jetzt in Zukunft nicht mehr die Person sein kann.