Meine Rede auf der ersten Bi+Pride in Deutschland

25. September 2021

Eigentlich wollte ich in meiner Rede über die Hypersexualisierung von bi+sexuellen Frauen und weiblich gelesenen Personen sprechen. Ich wollte darüber sprechen, wie sehr das mein Leben geprägt hat und prägt. Ich wollte sagen, dass ich lange dachte, dass es allen Frauen und weiblich gelesenen Personen mit diesem Aspekt wie mir geht. Mir war lange nicht klar, dass Sexualisierung bzw. Misogynie bei bi+sexuellen Frauen und weiblich gelesenen Personen durch die intersektionale Überschneidung der Diskriminierungsformen ein Maximum erreicht.

Ich wollte dann sagen, dass das zur Folge hat, dass die Gefahr für bi+sexuelle Frauen und solche, die als Frauen gelesen werden, von cis-männlicher (oftmals partnerschaftlicher) Gewalt betroffen zu sein, noch größer ist als für hetero- und homosexuelle Frauen, so u.a. eine Studie vom „National Center for Injury Prevention and Control“ in den USA. Aufklärung über sexualisierte Gewalt und Solidarität mit Betroffenen ist grundsätzlich so wichtig, weil wir in einer Welt leben, in der Victim Blaming und Täter-Opfer-Umkehr für viele noch immer die erste Reaktion sind und mutmaßlichen Tätern eher geglaubt wird. Die ganzen Machtmechanismen sind so dermaßen upgefuckt.

Dadurch, dass Bi+sexualität oft geleugnet, unsichtbar gemacht, hypersexualisiert und stigmatisiert wird – sowohl innerhalb als auch außerhalb von queeren Kreisen –, leiden Bi+sexuelle, verglichen mit hetero- und homosexuellen Menschen, in höherem Maße an Depressionen, Angststörungen und Suizidalität. Das zeigt beispielsweise der Canadian Community Health Survey. Bei bi+sexuellen Frauen ist der Wert am höchsten. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass für Mehrfachmarginalisierte, die Gefahr für diese Aspekte natürlich noch höher liegt.

Was ich in dem Zusammenhang auch sagen wollte ist, dass auch die Annahme kursiert, dass bi+sexuelle Frauen akzeptierter seien als bi+sexuelle Männer. Aber diese vermeintliche Akzeptanz heißt meistens nur, von heterosexuellen cis Männern und der Popkultur sexy gefunden und fetischisiert, sprich hypersexualisert. Das ist nichts Positives und hat nichts mit Akzeptanz zu tun. Ich hoffe, dass ist auch allen cis-geschlechtlichen bi+Männern klar.

Heterosexuelle Frauen werden oft auch von heterosexuellen (und wie ich aus eigener Erfahrung auch weiß, leider auch bi+sexuellen) cis Männern unter Druck gesetzt, zu ihrem Vergnügen Bi+sexualität (privat oder öffentlich) zu performen. In vielen Communitys (insbesondere in solchen, die sich als alternativ, offen oder liberal betrachten) kann performative Bi+sexualität ein Standard sein, den alle Frauen erfüllen müssen. Dies bedeutet, dass dort Frauen unter Druck gesetzt werden, mit anderen Frauen sexuell zu sein, um heterosexuelle cis Männer zu befriedigen. Obwohl dies hauptsächlich bi+sexuellen Frauen schadet (von denen angenommen wird, dass sie das wollen, weil sie sich als bi+ identifizieren), wirkt es auch gegen monosexuelle (also hetero- oder homosexuelle) Frauen. Das alles bedeutet, dass Bi+feindlichkeit gegen Frauen nicht nur bi+ Frauen betrifft, sondern alle Frauen und weiblich gelesene Personen, unabhängig von ihrer sexuellen Identität.

Ich wollte euch Beispiele für all diese Dinge aus meinem Leben nenne z.B: vom Ausgehen und vom Datingleben.

Aber das mache ich jetzt nicht. Was ich jetzt mache, ist euch sagen, dass ich weiß, dass meine Bi+sexualität in Kombination mit Geschlecht und welche gesellschaftliche Position und Behandlung mir deswegen zugewiesen wird, der Grund dafür sind, warum ich so politisch geworden bin. Warum ich Queer-Feministin bin und jegliche Form von Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung und Unterdrückung ablehne. Für mich bedeutet bi+sexuell sein, den gesellschaftlichen Glauben von Binaritäten zu zerschlagen. Die gibt es nicht.

Bi+feindlichkeit und Monosexismus leben in vielfacher Hinsicht von dem Gedanken, dass Geschlecht ausschließlich cis-geschlechtlich und/oder binär zu verstehen sei. Es gibt aber viele trans und/oder nicht binäre Personen – unter ihnen auch Bi+sexuelle.

Bi+sexualität hat das Potenzial, das binäre Verständnis von Geschlecht öffentlich wirksam weiter zu delegitimieren, da Bi+sexualität vielfach als eine Art von Begehren verstanden und wahrgenommen wird, das Menschen nicht nach ihrem Geschlecht unterscheidet.

Ohne eine klare und privilegierte Unterscheidung zwischen Mann und Frau gibt es keine klare und privilegierte Unterscheidung zwischen heterosexuell und homosexuell. Das bedroht Homosexualität und Heterosexualität aus zwei Gründen: Erstens destabilisiert die mangelnde Unterscheidung zwischen Geschlechtern die monosexuelle Identität (und bedroht sie aus denselben Gründen). Zweitens wird die Spannung zwischen öffentlichen und privaten Einstellungen zum Geschlecht betont.

Ich möchte euch sagen, wie wichtig ich Bi+Aktivismus und -Community finde. Wie glücklich und stolz mich das macht, was wir hier geschafft haben. Ich habe dieses Jahr quasi meine ganze Freizeit in die Bi+Pride gesteckt.

Ich möchte aber auch ganz deutlich sagen, dass all das nur funktioniert und nur was Wert ist, wenn wir alle anderen Diskriminierungs- und Unterdrückungsformen nicht ignorieren, sondern uns klar gegen sie stellen. Bi+Community besteht nicht nur aus weißen Personen, nicht nur aus Personen ohne Behinderung, nicht nur aus reichen oder akademischen Personen. Wir Bi+Menschen wissen nur zu gut, wie es sich anfühlt, irgendwie nirgendwo so richtig dazuzugehören. Wir sollten es also besser wissen und vor allem besser machen.

Ich bin sehr privilegiert, ich lerne jeden Tag und ich bin dankbar dafür und ich will es besser machen. Und das wünsche ich mir von allen, insbesondere auch von weißen, cis-geschlechtlichen bi+sexuellen Männern. Euer Bi-Sein macht euch nicht automatisch anti-rassistisch oder feministisch. Man müsste meinen, das sei selbstverständlich. Ist es aber nicht. Deswegen nochmal, euer Bi-Sein macht euch nicht anti-rassistisch oder feministisch. Auch dann nicht, wenn ihr ein paar schlaue Sätze auswendiggelernt habt. Das ist bloß performativ.

Anti-rassistisch und feministisch sein ist Arbeit, insbesondere dann, wenn man sehr privilegiert ist. Der Prozess ist lang, vermutlich eine Lebensaufgabe und nie abgeschlossen. Und daran müsst ihr selbst arbeiten. Das ist nicht die Aufgabe von BIPoC und FINTA*. Wir sind euch nichts schuldig. Ich habe Erwartungen an euch.

Meine ganz persönliche Community unabhängig von sexueller und romantischer Identität oder Geschlecht, der ich mich zugehörig fühle, besteht aus Menschen, die ihre anti-rassistischen, queer-feministischen Werte lebt. Für sie ist Intersektionalität nicht nur ein Buzzword anhand dessen man Merkmale abzählt. Bi+Aktivismus bzw. Aktivismus generell, der das anders sieht, brauche ich nicht, denn der schließt aus und wird auf diesem Weg mit Sicherheit keinen gesellschaftlichen Wandel erzeugen.

Ich bin gespannt, welcher Weg eingeschlagen wird. Ich bin stolz auf dieses Event, in das ich so viel Arbeit gesteckt habe, vieles lief gut, einiges muss aber besser werden.

Happy Bi+Pride, vergesst nicht, wir sind viele!

Zusatz Info: Ich trete bei der Bi+Pride aus

Hey ihr Lieben,

wie die meisten vermutlich mitbekommen haben war ich dieses Jahr 2021 bei der Bi+Pride aktivistisch tätig. Habe das Event im großen Maße mitorganisiert. Dort vor allem Social Media, Homepage und Pressearbeit gemacht, aber auch viele andere Dinge, die angefallen sind, da wir ein sehr kleines Team waren. Eigentlich zu wenig Personen für all die Aufgaben. Und ich bin stolz darauf, was wir geschafft haben. Was ich geschafft habe. Durch meine Öffentlichkeitsarbeit habe ich zu einem großen Teil für die Sichtbarkeit des Events gesorgt. Ich habe 2021 im Prinzip meine ganze Freizeit in das Projekt gesteckt. Ich erzähle vermutlich nichts Neues, wenn ich sage, dass mir Bi+Aktivismus und bi+sexuelle Sichtbarkeit, neben vielen anderen wichtigen Themen eine Herzensangelegenheit sind. Leider gab es für meinen Geschmack zu wenig organisierten Bi+Aktivismus in Deutschland. Ich denke wir haben da einen Riesenschritt für die Bi+Community gemacht, der sehr wichtig ist. Und auf den aufgebaut werden kann.

Ich habe aber auch gemerkt, wie ich an meine Grenzen gekommen bin, es war das erste Mal, dass ich in dieser Form mit anderen eine Veranstaltung mit mehreren Tagen inklusive Demonstration organisiert habe. Es war das erste Mal, dass ich aktivistisch mit so vielen mir völlig fremden Menschen, hauptsächlich digital, so eng zusammengearbeitet habe. Ich habe extrem viel gelernt aus dieser Erfahrung. Wir alle haben das. Vieles hat gut funktioniert und das finde ich toll, denn wir sind durch Corona mit schwierigen Bedingungen gestartet.

Im Laufe der Zeit habe ich aber gemerkt, dass es einige Dinge gibt, die gar nicht gut laufen und die in Zukunft besser laufen müssen. Ich habe gemerkt, dass unsere Absprachen, Entscheidungsmechanismen und Feedback-Kultur nicht so funktionieren, wie ich das sinnvoll fände. Darin sind wir uns auch alle einig. Ich hoffe, dass die Gruppe daraus in Zukunft lernen wird. Denn es war für uns alle das erste Mal und wir haben alle viel Arbeit reingesteckt.

Ich habe allerdings mit der Zeit auch gemerkt, dass unsere Gruppe mir persönlich politisch zu heterogen und zu mainstreamig ist – uns alle eint, dass wir bi+sexuell sind und uns für Sichtbarkeit stark machen. Die darüber hinaus gemeinsam entwickelten politischen Positionen hätte zum einen noch spezifischer sein können und vor allem aber im Handeln konsequent umgesetzt werden müssen. Dafür müssten sie aber auch von allen aktiv getragen werden und nicht nur von manchen. Das ist aktuell nicht der Fall. So wie es jetzt ist, kann ich nicht dahinterstehen und auch keinen Kompromiss mehr eingehen, das habe ich die letzten Monate versucht. Zu viel ist passiert. Das entspricht so nicht meinen (politischen) Werten. (Eine ausführliche Positionierung dazu in meiner Rede, die ich bei der Bi+Pride Demo gehalten habe oben.)

Ein anderer Aspekt sind auch meine Kapazitäten. Die werde ich in Zukunft nicht mehr haben. Ab Oktober studiere ich jetzt auf Teilzeit noch einen Master in Gender Studies neben meiner Arbeit und will mich wieder mehr meinem Buchprojekt widmen. Das ist, wie ich für mich in Zukunft die Prioritäten setze.

Was ich damit sagen will, ist, dass ich bei der Bi+Pride aufhöre. Politischer Aktivismus in Zukunft dann auf jeden Fall nur noch in explizit linken, queer-feministischen Kontexten, wo gewisse Grundpositionen nicht erst diskutiert werden müssen, sondern fest im Selbstverständnis verankert sind. Wo patriarchale und rassistische Strukturen stetig hinterfragt werden und aktiv daran gearbeitet wird, sie nicht zu reproduzieren. Ich möchte mit meinem Aktivismus nämlich an einem anderen Punkt ansetzen. Mit einer guten Absicht allein starten, reicht nicht.

PS: Das ist keine Einladung zum „Canceln“. Das ist eine Information, weil auch einige Nachfragen kamen. Ich freue mich immer über Entwicklung und Verbesserung. Grundsätzlich gilt, Menschen sind fehlbar und lernfähig. Dies hier ist meine Entscheidung und weitere Details bleiben privat. Aber Bi+sichtbarkeit und -Community sind grundsätzlich wichtig.