Ergebnisse meiner Masterarbeit: Feministische Journalist*innen erleben einen beruflichen Rollenkonflikt

Einleitung: Warum ich im Bereich feministischer Journalimus forschen wollte.

Als (mittlerweile ehemalige) Journalistik-Studentin, (freie) Journalistin und Feministin nehme ich drei verschiedene Rollen ein: die als Forscherin, die als Journalistin und die als Aktivistin. Mir ist dabei aufgefallen, dass diese drei Aspekte scheinbar manchmal nicht zusammenpassen.

Auf der einen Seite lernen Nachwuchsjournalist*innen in ihrer Ausbildung, z.B. dem Studium – so wie ich – nach wie vor das Ideal vom möglichst objektiven Journalismus bzw. von Journalist*innen als neutrale Vermittler*innen. Gerne wird in diesem Zusammenhang vom Fernsehmoderator Hanns Joachim Friedrichs gesprochen, der vermeintlich sagte: Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache. Auch nicht mit einer guten Sache (Gerald Krieghofer, 2017). Tatsächlich aber erklärte er in einem Spiegel-Interview lediglich, die Notwendigkeit als Fernsehjournalist bei schlimmen Nachrichten nicht in öffentliche Betroffenheit zu versinken (DER SPIEGEL, 1995).

Das neutral, vermittelnde Selbstverständnis dominiert allerdings auch weiterhin die Branche (Nina Steindl, Corinna Lauerer & Thomas Hanitzsch, 2017). Aber auf der anderen Seite sind in den letzten Jahren immer mehr feministische, journalistische Medien entstanden, die sich an ein junges Publikum richten, wie beispielsweise die jungen Mainstream-Medien ze.tt (Online-Magazin aus dem Zeit-Verlag), bento (Online-Magazin vom Spiegel, mittlerweile allerdings eingestellt) und viele Angebote von funk, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF. Zudem labeln sich immer mehr Journalist*innen öffentlich z.B. auf Instagram oder Twitter als Feminist*in. Deshalb habe ich mich gefragt, inwieweit es einen Rollenkonflikt gibt oder nicht und inwiefern es vielleicht sogar nötig ist, von der neutralen Vermittler*innenrolle abzuweichen.

Aber nicht nur ich stellte mir so eine Frage. Der US-amerikanische trans* Journalist Lewis Raven Wallace (2019) stellte sie sich ebenfalls, spricht darüber in seinem Podcast und schrieb ein ganzes Buch darüber. Für ihn ist Objektivität im Journalismus „a false ideal that upholds the status quo“ (ebd., S. 14). Er sagt weiter über das Ziel seines Buches: „I also aim to highlight the ways in which ‘objectivity’ has been used to push out and silence the voices of those who are already marginalized and oppressed“ (ebd., S. 10). Weiter heißt es: „I saw as troubling double standard in which cisgender white men are treated as inherently ‘Objective’ even when they’re openly biased, while the rest of us are expected to remain ‘neutral’ even when our lives or safety are under threat“ (ebd., S. 4). Damit kritisiert er an dem Objektivitätsstandard, dass es so etwas wie Objektivität gar nicht geben kann, weil sie von vielen Faktoren wie z.B. dem patriarchalisch geprägten System abhängt, das gesellschaftliche Machtstrukturen prägt.

Auch in Deutschland wird das Thema diskutiert. Die Journalistin Anja Reschke erläutert in ihrem Buch „Haltung zeigen“ (2018), warum diskutiert wird, ob Journalist*innen Haltung zeigen dürfen und warum ihre Antwort ein klares „Ja“ ist: „Natürlich dürfen Journalisten Haltung haben. Sie sind Menschen und Bürger wie alle anderen, wieso sollte, man ihnen dieses Recht absprechen? Die Meinungsfreiheit gilt schließlich auch für Journalisten. Natürlich dürfen auch sie in sozialen Netzwerken unterwegs sein, die ja meistens reine Plattformen für Kommentare sind und keine Pressefunktion haben. Und selbstverständlich kann ein Journalist auch an Demonstrationen teilnehmen“ (ebd., S.57).

Meine ganz persönliche Frage, ob ich Feministin und Journalistin gleichzeitig sein kann, habe ich umgewandelt. Bereits existierende feministische Medien und Journalist*innen zeigen, dass es möglich zu sein scheint. Die Forschungsfrage, die sich für mich daraus ergabt, ist: „Nehmen Journalist*innen, die sich als Feminist*innen verstehen, einen beruflichen Rollenkonflikt aufgrund ihres feministischen Anspruchs wahr?“

Auch andere haben die Frage bereits mitgedacht. Die bekannte feministische Journalistin und ehemalige Chefredakteurin von Edition F, Teresa Bücker (2018), sagte zu Stefanie Lohaus, Mitgründerin und Herausgeberin des Missy Magazines, im Interviewgespräch: „Gerade feministischen Journalist*innen schlägt im deutschen Journalismus oft entgegen, die Rolle von Journalist*in und Aktivist*in sei nicht vereinbar.“ Und fragt: „Wie stehst du dazu?“

Wissenschaftlich zu verorten, ist diese Forschungsfrage im Bereich der Gender Media Studies. Ein Bereich, der unter den Theorien der Journalismusforschung im Bereich der Cultural Studies bzw. des feministischen Ansatzes angesiedelt ist. „Geschlechterforschung ist immer schon mit dem Ziel angetreten, nicht nur blinde Flecken der Wissenschaft zu beseitigen, sondern auch die Kriterien und Vorgehensweisen einer weitgehend durch Männer geprägte Wissenschaft und Forschung zu kritisieren, zu beeinflussen und zu verändern“ (Elisabeth Klaus, 2005). Margreth Lünenborg und Tanja Maier (2019) halten fest: „Bis heute kann von keiner systematischen Verankerung der Gender Media Studies in allen Forschungsfeldern der Kommunikationswissenschaft die Rede sein. Im deutschsprachigen Raum ist eine Institutionalisierung in Form einschlägig denominierter Professuren oder systematischer Verankerung im Curriculum ausgeblieben.“

Über Frauen im Journalismus gibt es mittlerweile Forschung, auch wenn in dem Bereich nach wie vor mehr geforscht werden könnte. Der feministische Journalismus als Forschungsfeld ist jedoch immer noch unterrepräsentiert und die bestehenden Forschungen stammen überwiegend aus der Zeit vor dem Journalismus im Internet.

Durch Lünenborg (2012) lernte ich zudem, dass „das Ausmaß und die Systematik, in denen Konzepte, Theorien und Gegenstand der Geschlechterforschung in kommunikationswissenschaftlichen Studiengängen behandelt, werden“ beträchtlich variieren und von der individuellen Schwerpunktsetzung des Lehrpersonals abhängig sind. Da die Beschäftigung damit in meinem Studium ausblieb, sah ich es als meine persönliche Pflicht, dies mit der Schwerpunktsetzung meiner Masterarbeit nachzuholen und damit ein Zeichen zu setzen.

Aufarbeitung des Forschungsstandes

Die Aufarbeitung des Forschungsstandes im Bereich der journalistischen Berufsrollen zeigte mir schnell, dass es keine Eindeutigkeit und einheitlich Ansicht darüber gibt, welche Rolle der Anspruch nach Objektivität und Neutralität im Journalismus haben sollte und darf und inwieweit sich feministisch-aktivistische und journalistische Rollen überschneiden dürfen.

Vielmehr wurde deutlich, dass es viele verschiedene berufliche Rollenselbstverständnisse gibt, die sich teilweise auch stark widersprechen. Die Betrachtung von Berufsbiografien von Journalistinnen (2014, Kinnebrock, Klaus 2013; Klaus, Wischermann 2013) zeigte darüber hinaus, dass die Grenzen zwischen Journalismus und Aktivismus schon immer fließend waren – unabhängig davon wie das gewertet wird und obwohl das mit der Norm von Journalist*innen als neutrale Vermittler*innen im Widerspruch steht.

Susanne Kinnebrock, Elisabeth Klaus und Ulla Wischermann sind diejenigen, die den Begriff des Grenzgänger*innentums in Bezug auf Medienarbeit geprägt haben bzw. dieses Phänomen sichtbar gemacht haben (2014; Kinnebrock, Klaus 2013). Sie stellten durch die intensive Beschäftigung mit Berufsbiografien (2014, Kinnebrock, Klaus 2013; Klaus, Wischermann 2013) fest, dass Journalistinnen historisch zahlenmäßig mehr im Journalismus vertreten waren, als angenommen und dass sie auch wichtige inhaltliche Impulse zur Entwicklung von Journalismus geliefert haben. Den Grund dafür, dass das bisher wenig sichtbar war, sehen Kinnebrock und Klaus (2013) darin, dass die historische Journalismusforschung und auch noch die heutige Journalismusforschung einen Pfad angelegt hat, in dem der Beitrag von Frauen kaum gezeigt wurde. Hauptfaktor ist für die Forscherinnen, „die Definition des Journalisten als hauptamtlichen Redakteur, die Begrenzung auf kommerziell erfolgreiche Printmedien, die Fokussierung auf tagesaktuelle (Politik-)Berichterstattung sowie schließlich die Definition des Journalismus als lebenslange Professur“ (Kinnebrock, Klaus, 2013, S. 502).

Feministischen Journalismus zeichnet sich unter anderem explizit durch die Parteilichkeit für Frauen aus (Lünenborgs, 1992), was unter anderem damit zusammenhängt, dass Frauen und andere Personen, die keine cis Männer sind, nach wie vor einen anderen Lebenszusammenhang als cis Männer haben (Klaus, 2005), was auch im journalistischen Berufsfeld zu strukturellen Geschlechterdifferenzen und Diskriminierungen führt. Der Forschungsstand zu Frauen im Journalismus zeigt auf, dass Journalistinnen sowohl in der Vergangenheit als auch heute noch Benachteiligungen ausgesetzt waren und sind, da auch die Journalismus-Branche als Teil dieser Gesellschaft nicht frei von strukturellen Geschlechterdifferenzen und Diskriminierungen ist (BuzzFeed News Deutschland, 2018). Schon in der Vergangenheit hat das dazu geführt, dass Journalistinnen sich intensiv mit der Stellung der Frau in der Gesellschaft beschäftigten und die Frauenbewegungen sich auf Medien und Gesellschaft ausgewirkt haben (Klaus und Wischermann, 2013).

Der Begriff Frauenbewegung(en) wurde vor allem im 20. Jahrhundert verwendet. Danach wurde der Begriff Feminismus immer populärer. Er wurde von der 1880er Jahren von der französischen Frauenrechtlerin Hubertine Auclert aufgebracht (Gerhard, 2009). Im deutschsprachigen Raum haftete ihm lange und in gewissen Teilen bis heute etwas Negatives, Radikales an. Erst in den 1970er Jahren fand er langsam Einzug in die Sprache (ebd.). Heute werden beide Wörter umgangssprachlich oft synonym verwendet, auch wenn der Begriff Feminismus wissenschaftlich gesehen ein Oberbegriff für verschiedene feministische Theorien ist, die beispielsweise in Frauenbewegungen ausgeführt wurden. Heute wird diese Art der Ausführung häufig feministischer Aktivismus genannt, also Aktivismus aus einer feministischen Haltung heraus (Imke Schmincke, 2013). Den einen Feminismus gibt es allerdings nicht, vielmehr unterschiedliche Feminismen. Auch historisch gesehen gab es immer verschiedene Strömungen, die nebeneinander existierten, sich inhaltlich überschnitten und unterschieden (Gerhard, 2009). Ihre Gemeinsamkeit war und ist, dass sie „nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Einlösung demokratischer Prinzipien der Freiheit und Gleichheit aller Menschen und die Anerkennung ihrer gleichen Menschenwürde“ fordern (ebd., S. 6).

Methodisches Vorgehen

Ich habe für meine Masterarbeit 20 Journalist*innen, die sich als Feminist*innen bezeichnen, interviewt und ihre Antworten ausgewertet (eine qualitative Befragung in Form von Leitfadeninterviews). Ich wollte herausfinden, wie sie auf ihre journalistische Berufsrolle schauen und wie die angesprochenen Widersprüchlichkeiten sich darauf und ihren beruflichen Alltag auswirken. Ihre Antworten weisen auf die Entwicklung hin, dass gesellschaftliche Machtverhältnisse auch branchenintern zunehmend auf den Prüfstand gestellt werden, um die Vielfalt der Gesellschaft auch im Journalismus abzubilden und diskriminierungssensibel zu Arbeiten.

30 feministische Journalist*innen habe ich über Social Media (Instagram, Twitter und Facebook) und/oder Mail kontaktiert. Zehn weitere haben meinen Aufruf gesehen und mich kontaktiert. Insgesamt habe ich 20 Interview-Gespräche vereinbart. Es haben noch weitere Journalist*innen angeboten, ein Interview zu geben, aber das hätte den Rahmen, den eine Masterarbeit leisten kann, gesprengt, sodass ich nicht mehr als 20 Interviewpartner*innen ausgewählt habe. Wenn auch nicht als Sample-Kriterium festgelegt, war es mir wichtig, nicht nur mit weißen cis Frauen zu sprechen und so eine sehr homogene Auswahl zu haben, sondern die Interviewpartner*innenauswahl aus intersektionaler Perspektive zu betrachten, denn bisher sind intersektionale Perspektiven in Bereich der Gender Media Studies immer noch zu wenig diskutiert und das Forschungsfeld ist sehr homogen geprägt, wenn auch die Betrachtung die letzten Jahre zunahm (Tanja Thomas, 2019; Lünenborg & Maier, 2019). Deshalb sind auch cis Männer, trans* Personen, Menschen, die von Rassismus betroffen sind, und homosexuelle Menschen Teil des Samples. Zudem ist das Alter durchmischt. Es wurden sowohl Berufsanfänger*innen wie auch Journalist*innen in Führungspositionen als Gesprächspartner*innen ausgewählt. Die Gender Media Studies wurden von der sozialwissenschaftlichen Diskussion um die Verschränktheit verschiedener Ungleichskategorien zunehmend geprägt (Lünenborg & Maier, 2019). Thomas (2019, S. 6) hält allerdings fest: „Wenig diskutiert sind Verschränkungen von Überlegungen der Critical Whiteness Studies, von postkolonialen Theorien und Feminismus, die weiterführende Potenziale auch für medien- und kommunikationswissenschaftliche Studien offenlegen könnten.“ Natürlich ist diese Arbeit nicht dafür ausgelegt, dies zu leisten. Trotzdem sollte dieses Wissen bei der Auswahl der Interviewpartner*innen zumindest im Hinterkopf sein.  

Ergebnisse

Für diese Arbeit wurden 20 Journalist*innen interviewt. Zwei von ihnen sind cis Männer, die restlichen 18 sind nicht cis männlich. Zwei Interviewte befinden sich im Volontariat. 18 Journalist*innen sind hauptberuflich tätig, zwei nebenberuflich. Zudem arbeiten acht Journalist*innen festangestellt und zwölf freiberuflich.

Spektrum journalistischer Rollenbilder

Mit der Kategorie „K1 Journalistische Rollenbilder“ sollte geprüft werden, welcher journalistischen Rollenbilder sich die befragten Journalist*innen bedienen. Die erste forschungsleitende Annahme dazu lautet:

1. Feministische Journalist*innen identifizieren sich nicht so starr mit dem Ideal vom möglichst objektiven Journalismus bzw. den Journalist*innen als neutrale Vermittler*innen und unparteiischen Beobachter*innen, sondern bedienen sich eines Spektrums journalistischer Berufsrollen.

Diese Annahme lässt sich bestätigen, denn 19 von 20 Befragten nannten beim Beschreiben ihres journalistischen Selbstverständnisses mehr als eine journalistische Berufsrolle.

Interessant ist, dass 13 der Befragten sagten, dass sie sich u.a. an der disseminator bzw. neutralen Vermittler*innenrolle orientieren und gleichzeitig acht von ihnen diese Rolle kritisierten. Drei weitere Befragten sprachen sich gegen diese Rolle aus. Das macht deutlich, dass diese Befragten diese Rolle nicht starr verfolgen bzw. sich darüber im Klaren sind, dass je nach gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Motivationen gewisse Paradoxien im journalistischen Rollenverständnis angelegt sind, wie es schon Donsbach (2008) argumentierte.

Die hauptsächliche Kritik an der disseminator-Rolle der Interviewten ist, dass es eine absolute Objektivität oder Neutralität nicht gebe:

  • J2 „Was meine Themen angeht, versuche ich, möglichst neutral zu sein, wobei man eigentlich nie neutral sein kann. Ein Mensch ist eigentlich nicht neutral, und wir sind immer beeinflusst von dem, was um uns herum ist.“
  • J4: „Die Erwartungshaltung ist ja eigentlich die neutrale Berichterstattung. Wobei ich glaube, dass es das nicht gibt. Man berichtet nie objektiv als Journalist.“
  • J8 : „Ich bin da ja nicht ganz neutral, so sehr ich das vielleicht auch gerne sein möchte.“
  • J9: „Ich glaube nicht, dass so etwas wie totale Objektivität überhaupt gibt, sondern dass man immer seinen Background reinbringt.“
  • J10: „Aber es ist natürlich immer so: Nichts ist objektiv, also es ist immer schon irgendwie Framing dabei.“
  • J14: „Da spricht ja auch so ein bisschen die Frage rein, wann wird etwas Objektives zu etwas Subjektivem oder zu einer Meinung. Und da unterliegen wir alle der großen Lüge, es gäbe irgendeine Objektivität im Journalismus. Oder viele von uns vielleicht.“

Journalistische Berufsrollen, die zudem häufig genannt wurden, waren zwölf Mal advocat und neun Mal educator.

Die*der advocat als Sprecher*in für bestimmte Personengruppen und deren Belange oder allgemeiner für sozial Benachteiligte wurde von zwölf der 20 Befragten expliziert genannt. Bei den Antworten wird deutlich, dass viele gezielt auf eine intersektionale Perspektive schauen und sich bewusst sind, dass die Berichterstattung, nicht die Vielfalt der Gesellschaft abdeckt. Das deckt sich mit vielen Kriterien für feministischen Journalismus – beispielsweise Parteilichkeit für Frauen und Lebenswirklichkeit von Frauen im Mittelpunkt als Ergänzung des bisherigen Themenspektrums, das häufig durch die männliche Sicht geprägt ist – die Margreth Lünenborg (1992) aufgestellt hat. Viele der getätigten Aussagen decken sich zudem mit Faktoren – beispielsweise das fließende berufliche Selbstverständnis, den Beiträgen zum Journalismus sowie die Themenschwerpunkte – von Klaus und Wischermanns (2013, S. 349-367) Betrachtung der Biografien von Journalistinnen in der Zeit von 1848 bis 1990, die auch im Zusammenhang mit ihrem Grenzgänger*innentum stehen.

J1: „Gleichzeitig geht für mich aber auch einher, dass ich den Anspruch habe, eine gleichberechtigte Berichterstattung in Deutschland zu forcieren. Das heißt für mich ganz klar, und das ist auch die Vorgabe für mein Team, was ich auch […] in die Richtung zusammengestellt und rekrutiert habe, gleichberechtigte Berichterstattung. Das heißt, dass eben nicht nur aus einer sehr weißen, sehr akademischen, sehr männlichen Welt, sehr westdeutschen Perspektive geschrieben wird und für die dann auch wiederum publiziert wird, sondern dass wir versuchen, den Fokus dann doch oft noch einmal auf diejenigen zu legen, die oft so als Randgruppen – und ich mag den Begriff nicht sehr gerne, aber das ist das, worunter sie oft zusammengefasst werden – betitelt werden, dass wir die dann nochmal irgendwie anders abholen. Also Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund, BIPoC, Menschen mit Behinderung, Frauen im Allgemeinen, die auch immer noch weniger eine Rolle spielen, sowohl als Protagonistinnen als auch als Medienschaffende. Dazu kommen Ostdeutsche, dazu kommen Menschen, die wirklich, die in irgendeiner Art nicht dem entsprechen, was in der deutschen Medienlandschaft so das Gro der Berichterstattung ausmacht. Dass ist für uns als Medium und für mich als Journalistin wichtig, weil ich finde, dass es im Jahr 2020 schon fast zu spät ist, darüber nachzudenken, ob man nicht vielleicht noch andere Menschen ansprechen sollte und die auch in seinen Geschichten stattfinden lassen muss.“

J2: „Aber ich habe schon den Anspruch, dass ich sage egal, welchen Artikel ich mache, egal, welches Thema es geht, ich möchte so viele Menschen wie möglich repräsentieren. Das betrifft zum einen das Geschlecht oder die Geschlechter. Aber das betrifft natürlich auch Menschen mit verschiedenen Bildungsständen oder Menschen in verschiedenen, aus verschiedenen Hintergründen, die verschiedene Wurzeln haben, verschiedene Sprachen sprechen. Ich versuche, so viel Diversität wie möglich in meine Themen einzubringen.

Geschlechterdifferenzen und Diskriminierungen im journalistischen Berufsfeld

Mit der Kategorie „K2: Geschlechterdifferenzen und Diskriminierungen im journalistischen Berufsfeld“ soll überprüft werden, ob auch, wie es die Forschung sagt, die befragten feministischen Journalist*innen Geschlechterdifferenzen und Diskriminierungen im journalistischen Berufsfeld benennen, kritisieren und/oder beseitigen wollen. Die zweite forschungsleitende Annahme dazu lautet:

2. Journalist*innen sehen es als ihre Aufgabe, im Zuge der eigenen journalistischen Arbeit und/oder durch außerjournalistische Aktivitäten, gegen strukturelle Geschlechterdifferenzen und Diskriminierungen, von der auch das journalistische Berufsfeld als Teil dieser Gesellschaft nicht frei ist, zu arbeiten.

Diese Annahme bestätigen 13 der 20 Befragten. Drei weitere Befragte sagten zwar nicht explizit, dass sie auch gegen die Diskriminierung arbeiten, aber sie erwähnten sie.

Die Antworten der Befragten machen deutlich, dass es den meisten von ihnen vor allem um die Berichterstattung an sich geht und die diskriminierenden, klischeehaften, unvollständigen, nicht vielfältigen Botschaften und Darstellungen in ihr, die sie zum Besseren verändern wollen. Oft wurde dies intersektional betrachtet und ist somit nicht auf sexistische Diskriminierung begrenzt. Manche sprachen aber auch von der Situation der diskriminierten Journalist*innen im Beruf. Diese Aussagen decken sich in vielerlei Hinsicht, wie schon bei K1 mit vielen Kriterien für feministischen Journalismus die Margreth Lünenborg (1992) aufgestellt hat – beispielsweise für die Parteilichkeit für Frauen und Lebenswirklichkeit von Frauen im Mittelpunkt als Ergänzung des bisherigen Themenspektrums, das häufig durch die männliche Sicht geprägt ist. Gleiches gilt für die Faktoren – beispielsweise das fließende berufliche Selbstverständnis, den Beiträgen zum Journalismus sowie die Themenschwerpunkte – von Klaus und Wischermanns (2013, S. 349-367) Betrachtung der Biografien von Journalistinnen in der Zeit von 1848 bis 1990, die auch im Zusammenhang mit ihrem Grenzgänger*innentum stehen.

J1: „Da fängt es auf alle Fälle dabei an, wie die Redaktionen insgesamt zusammengesetzt sind. Feministisches Potenzial ist da. Wie viele Frauen gibt es in Redaktionen, wie viele Menschen mit Migrationshintergrund? Dazu zähle ich auch ostdeutsch sozialisiert. Wie viele Arbeiterkinder gibt es da? Also alle möglichen Menschen, die bis jetzt wenig Platz finden in Redaktionen. Menschen mit Behinderung zum Beispiel auch. Die müssen auf alle Fälle noch viel mehr da rein, dann auch in Führungspositionen, damit sie sozusagen mit ihrem Background und mit dem Wissen, aber auch mit den Repressalien, mit denen sie irgendwie umgehen mussten, in ihrem Leben, wiederum in die Berichterstattung reingehen.“

K10: „Aber, wenn man als Journalistin bezahlt arbeitet, dann ist das für mich trotzdem irgendwie schon immer mit einer Art von Aktivismus verbunden. Für mich ist es fast untrennbar, selbst wenn man jetzt von politischen Themen absieht und guckt zum Beispiel zum Sport. Auch da kommt es auch darauf an, über was wird berichtet, über wen wird berichtet, wie wird darüber berichtet, wenn zum Beispiel in der Tagesschau, in den Sportnachrichten immer nur Männerteams vorkommen schließt es Frauen aus. Das ist für mich auch schon über Auswahl. Und wenn man z.B. sagt, ich mache eine Nachrichtensendung über Sportnachrichten, die explizit Frauenfußball ist, ist das auch schon eine Form von Feminismus oder Aktivismus, die es an der Stelle wohl auch braucht.“

J11: „Ich versuche ausgewogen in der Auswahl meiner Gesprächspartner*innen zu sein. Ich würde, wenn ich die gleiche Expertise von zwei Menschen habe, das sage ich auch so und finde ich auch in Ordnung, würde ich eher eine Frau nehmen. Ich achte da schon sehr darauf und deswegen beeinflusst das auch irgendwie meine Arbeit. Und ich glaube, dass sehr viele sagen, das ist nicht journalistisch, aber irgendwie finde ich das richtig so, weil es genug Männer gibt.“

Feminismus-Verständnis der Interviewten

Mit der Kategorie „K3: Feminismus“ soll das Feminismus-Verständnis der Befragten festgehalten werden. Die forschungsleitende Annahme dazu lautet:

3. Feministische Journalist*innen verstehen (ihren) Feminismus als Gleichberechtigung und Gleichstellung der Geschlechter, die noch nicht erreicht sind und damit als (demokratische) Selbstverständlichkeit, sich dafür einzusetzen.

Zudem wird mit der Subkategorie K3.2 festgehalten, ob die Befragten die Selbstbezeichnung Aktivist*in für sich verwenden würden. Dies ist unabhängig von einer forschungsleitenden Annahme und wurde erhoben, um es zu anderen Aussagen in Bezug setzen zu können.

Elf der 20 Befragten beschrieben Feminismus als Selbstverständlichkeit, 13 als Aktivismus und sieben als beides. Bei drei Journalist*innen wurde weder K3.1 noch K3.2 codiert.

Diejenigen Journalist*innen, die ihr Feminismus-Verständnis mit einer Selbstverständlichkeit in Verbindung brachten, drückten oft ihr Unverständnis darüber aus, dass es überhaupt zur Debatte steht, ob Menschen gleichberechtigt und gleichbehandelt werden sollen, weil das für sie der Kern von Feminismus ist.

Manche von ihnen dachten in der Vergangenheit Gleichberechtigung und Gleichstellung sei bereits erreicht, aber stellten irgendwann fest, dass dem nicht so ist.

J1: „Ich finde, Journalismus sollte viel feministischer sein, als er jetzt ist. Ich meine, ich verstehe diesen Vorbehalt gegenüber Feminismus nicht. Am Ende bedeutet Feminismus einfach nur, dass alle gleichberechtigt am Leben und allem, was dazugehört, teilhaben können. Das geht halt von Gender Pay Gap über überhaupt in den Job reinkommen – Jobmöglichkeiten haben – bis hin zur Rente. Ich kann diese Kritik an Feminismus nicht nachvollziehen. Wenn ich etwas dagegen habe, bin ich im Prinzip ein Arschloch. Wenn ich etwas dagegen habe, dass alle Menschen gleichbehandelt werden und die gleichen Chancen haben, dann… Was sollte dagegensprechen?“

J15: „Ich persönlich sehe das Ganze halt so: Wir in unserer Gesellschaft und in unserem politischen System haben uns darauf verständigt, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der jedes Menschenleben gleich viel wert sein sollte und in der wir versuchen, unsere Mitmenschen nicht zu diskriminieren. Diesen Anspruch möchte ich auch im Journalismus erfüllen, in meiner persönlichen Arbeit. Ich würde mich allerdings auch freuen, oder sehe das auch als Ideal oder einen Soll-Zustand, dass die komplette Berichterstattung so ist.“

Bei der Interpretation dieser Ergebnisse muss bedacht werden, dass die Interviewten nicht wie bei der Frage nach dem Aktivismus bewusst danach gefragt wurden, ob sie ihr feministisches Selbstverständnis als Selbstverständlichkeit verstehen, sondern es wurde gefragt, wie die Journalist*innen ihr feministisches Selbstverständnis beschreiben würden. Es ist also möglich, dass ein bewusstes Nachfragen andere Antworten hervorgebracht hätte und die Selbstverständlichkeit für manche möglicherweise so selbstverständlich ist, dass sie nicht erwähnt wurde.

Die Interviewten wurden bewusst gefragt, ob sie ihr feministisches Selbstverständnis als Aktivismus bezeichnen würden. Werden die Aussagen derjenigen Personen, die „Ja“ sagten, mit denen, die „Nein“ sagten, verglichen, fällt auf, dass die Antworten sehr subjektiv sind, da teilweise die gleichen Dinge – wie beispielsweise mehr Protagonistinnen wählen – von eine*r Journalist*in als Aktivismus bezeichnet wurden und von eine*r anderen nicht. Mehrere nahmen Bezug darauf, dass sie bei Demonstrationen mitlaufen, ihr privates Umfeld ansprechen und sich auf der Arbeit für Sichtbarkeit von Frauen stark machen. Zudem betonten sie, dass es eine schmale Grenze ist, ab wann etwas als Aktivismus gilt bzw. eine Definitionsfrage ist.

J1: „Wo fängt man da an, wo hört man da auf? Es ist ja immer so eine Gratwanderung zwischen dem, was ist meine Haltung und was ich jetzt damit mache, ist jetzt aktivistische und was nicht. Also klar, ich bin auf sämtlichen „Nein heißt Nein“-Demos, #metoo-Demonstrationen etc. mitgelaufen. Wenn das schon aktivistisch ist, dann ist das wohl Aktivismus. Aber für mich ist es schon wichtig. Vor allen Dingen seit ich Chefredakteurin bin, habe ich ja irgendwie finde ich auch eine Art Vorbildfunktion oder zumindest eine Rolle in der Öffentlichkeit, die eine gewisse Aufmerksamkeit bekommt. […] Und ich finde, wenn man als junge Frau in diese Position kommt, kann man oder sollte man das sogar nutzen, um auf Missstände in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Ich empfinde das als wichtig und richtig. Und wenn das Aktivismus ist, dann bin ich aktivistisch.“

J4: „Ja, Aktivismus in dem Sinne, dass man immer wieder den Finger in die Wunde legt. Dass man immer wieder darauf hinweist, dass es immer noch Unterschiede gibt. Das noch längst nicht das erreicht ist, was erreicht werden sollte, auch wenn man ja immer meint, es wäre schon viel getan. Also ich bin jetzt niemand, der auf Demos in der vordersten Reihe marschiert. Aber ich würde auch sagen, beruflich achte ich einfach immer darauf, dass Texte zum Beispiel ausgewogen sind. Dass, wenn ich kann, weibliche Ansprechpartner gefunden werden. Dass ich auch die weibliche Seite von Dingen mitaufgreife.“

Dass die Grenze, ab wann etwas als Aktivismus bezeichnet wird, schmal ist und eine Definitionsfrage, wird auch bei den Antworten derjenigen Journalist*innen deutlich, die sich nicht als Aktivist*innen bezeichneten. Manche von ihnen machen sogar faktisch das Gleiche wie ihre sich als Aktivist*innen bezeichnenden Kolleg*innen, aber nannten das für sich nicht Aktivismus. Eine Begründung dafür ist manchmal, dass die Interviewten dachten, dass sie sich noch nicht politisch genug betätigen, um sich Aktivist*in nennen zu dürfen oder aber, dass sie sagten, Journalist*innen sollten keine Aktivist*innen sein.

J3 (siehe Anhang 7.3): „Nein. Es muss ja nicht gleich alles Aktivismus sein. Es ist ja auch immer wieder das, dass Männer gerne als Experten gelten und Frauen schnell als Aktivistinnen oder auch Schwarze Frauen, wenn sie sich für uns einsetzen, gleich die Aktivistinnen sind. Nein, nein, Aktivismus wäre für mich wie Femen, finde ich auch okay und mache ich nicht. […] Welcher Platz hat Feminismus im Journalismus? Es ist es halt eine Herangehensweise. Es ist eine Herangehensweise, die darauf abzielt, dass unsere Gesellschaft entsprechend in Medien abgebildet wird, das heißt in Protagonistinnen, aber auch in Führungspositionen. Das Gleiche passiert auch mit nicht-weißen Menschen, die, wenn man sagt, ich bin als Redaktion antirassistisch. Sondern ich als Redaktion möchte die Gesellschaft abbilden. Dann muss ich auch dafür sorgen, dass ich nicht nur weiße Leute vor der Kamera habe. Und es hat nichts mit Aktivismus zu tun. Das hat etwas damit zu tun, dass Medien sich nicht zu weit von der Gesellschaft abkapseln. Indem du dann ein Radio hast, wo die ganze Führungsetage 50 weiß und männlich und hetero ist. Dann erreichst du niemanden. Das ist ja im Interesse des Journalismus, feministisch, aber auch anti-menschenfeindlich, sozusagen. Immer, sich zu positionieren. Grundlegende Werte, um einfach Menschen zu erreichen. Deswegen würde ich das alles in einen großen Sack schnüren und sagen das musste Journalismus machen.“

Es lässt sich also zusammenfassen: Elf von 20 Befragten bestätigen die forschungsleitende Annahme direkt und weitere sechs Befragte bestätigen sie indirekt, wenn man ein aktivistisches Selbstverständnis als Erweiterung von Selbstverständlichkeit betrachtet. Es handelt sich häufig um eine individuelle Auslegung der Wortdefinitionen.

Beruflicher Konflikt

Mit der Kategorie „K4 Beruflicher Konflikt“ sollte die Forschungsfrage, ob die befragten Journalist*innen aufgrund ihres feministischen Anspruchs einen beruflichen Rollenkonflikt wahrnehmen, beantwortet werden. Die vierte forschungsleitende Annahme dazu lautet:

4. Feministische Journalist*innen sehen sich aufgrund ihres feministischen Anspruchs einem beruflichen Rollenkonflikt ausgesetzt, weil er mit dem von vielen Journalist*innen vertretenem Ideal vom möglichst objektiven Journalismus bzw. den Journalist*innen als neutrale Vermittler*innen korreliert und/oder sie erleben , dass das journalistische Berufsfeld als Teil dieser Gesellschaft nicht frei von strukturellen Geschlechterdifferenzen und Diskriminierungen ist.

13 Journalist*innen bejahten die Frage nach einem beruflichen Rollenkonflikt. Sechs weitere erwähnten mindestens eine Konfliktsituation, ohne die Bezeichnung Rollenkonflikt für sich zu wählen.

Damit ist die forschungsleitende Annahme bestätigt und die Forschungsfrage mit „Ja, feministische Journalist*innen nehmen aufgrund ihres feministischen Anspruchs einen beruflichen Rollenkonflikt wahr“ zu beantworten. Wie diese Konflikte konkret aussehen, zeigen die Antworten der Befragten.

13 Journalist*innen wurden schon mit einem Vorwurf der unjournalistischen Arbeit konfrontiert. Diese Vorwürfe erfolgten über verschiedene Wege. Manche erzählten davon, dass es (ältere) Kollegen waren, die kritisierten. Andere berichteten von kritischen oder beleidigenden Social-Media-Kommentaren (Online-Gewalt). Häufig wurden die Themen der Journalist*innen oder ihrer Medien als solche als unwichtig abgetan oder als unjournalistisch bezeichnet. Zwei Journalistinnen nannten zusätzlich zu ihrem Frau-Sein auch Rassismus bzw. dass man ihnen abspricht, als von Rassismus betroffene Person, über Rassismus berichten zu können.

Zehn Journalist*innen wurden schon mal für eine zu feministische Themenumsetzung oder einen zu feministischen Themenpitch kritisiert. Oft erfolgte die Kritik auf subtilere Weise. Sechs Journalist*innen wurden von Kolleg*innen schon für ihr feministisches Selbstverständnis kritisiert.

Die 13 Journalist*innen, die auch (unter gewissen Umständen oder je nach Definition) von einem Rollenkonflikt sprechen würden, schauen auf diesen aus verschiedenen Perspektiven. Manche unterscheiden zwischen einem inneren Rollenkonflikt oder Rollenkonflikt in der Praxis. Manche sagten, früher sei der Rollenkonflikt mehr ein Problem gewesen als heute und, dass es besser geworden sei bzw. sie heute besser damit umgehen könnten. Wieder andere Journalistinnen bezogen sich explizit auf sexistische Kollegen und wie sich diese negativ auf ihre Arbeit und ihre mentale Gesundheit auswirken und bis hin zur Kündigung führen können. Manche der Journalistinnen sprachen auch darüber, dass es für sie ein Konflikt ist, dass der berufliche Alltag es nicht immer zulässt, dem eigenen feministischen Anspruch gerecht zu werden.

J2 (siehe Anhang 7.2): „Naja, du kannst ja nicht neutral sein, weil du eine Muslimin bist, wenn ich über etwas muslimisches schreibe. Und da merke ich, dass Menschen mir das nicht zutrauen, dass ich irgendwie aus diesem Kontext schreibe, auch wenn es um das Thema Rassismus, Diskriminierung geht.“

J18 (siehe Anhang 7.18): „Klar hat man praktisch, ich habe keinen inneren Konflikt, aber man hat schon praktisch, wenn man in einer Redaktion mit lauter alten weißen Männern sitzt, hat man Konflikte, wenn man sagt, ich will jetzt was über das Thema Gewalt im Kreißsaal machen. Gewalt unter der Geburt. Riesiges Thema. Da sagen sie dann, wen interessiert das denn? Haben dann im Kopf, dass das irgendwie so ein Feminismus-Thema ist. Und ich sage, hä nein, die Hälfte der Menschheit. Alle, die eine Vagina haben. Praktisch hat man da ja immer Konflikte. Aber ich finde, da ändert sich auch viel und ich hoffe, dass sich… Ich glaube nicht, es ist so hart, wie es vielleicht vor 20 Jahren war.“

J11 (siehe Anhang 7.11): „Ja schon. Vor allem im Redaktionssitzung, wenn ich… Es ist, dann ganz oft so, es geht um Sexismus. Super Frauen-verachtende Scheiße, die ich hören muss von anderen Redakteuren oder Kollegen. Es ging da damals um diesen Opernsänger. Da wurde gesagt, der hat Frauen vergewaltigt. Und dann hat so ein alter weißer Mann gesagt, dann können ja jetzt alle Frauen kommen, so das Typische. Potenzielle Opfer zu Täterinnen machen. Diese Umkehr dessen hat mich so aufgeregt und ich sag dann auch manchmal was. Aber das war so eine Redaktionssitzung, als man die noch machen konnte mit 35 Leuten in einem Raum. Und ich da neu. Wir sind ja auch immer ein bisschen wie Praktis in den Redaktionen. Ich habe auch von einer Praktikantin gehört, die gefragt wurde, ob sie denn Journalismus machen will. Und dann hat der Typ irgendwie zu ihr gesagt – sie meinte, sie weiß es noch nicht so richtig nach dem Studium: ,Sonst kannst du ja auch kellnern.‘ Immer so abfällige Bemerkungen, super sexistisches Verhalten und da ist es mir schwergefallen, weil ich dann so dachte, irgendwie kann ich hier, egal auf welchem Beitrag ich pitche, das wird halt abgelehnt, weil sie mich als Feministin sehen. Und dann wurde ich das auch eher, dann dachte ich in dem Moment, ich bin jetzt hier nicht als Journalistin Teil dieser Redaktionssitzung, weil das kann ich gerade nicht, weil ihr zu Scheiße seid. Ich kriege dann auch krasse Wut. Und dann merke ich ja, ich bin gerade nicht in meinem Beruf, weil ich bin gerade ich privat und ich glaube, das ist vielleicht dieser Konflikt.“

Konfliktthemen

Mit der Kategorie „K5 Konfliktthemen“ sollte überprüft werden, ob Themen, Forderungen und Standpunkte des neuen feministischen Diskurses (3. und 4. Welle Themen sind, die für die Befragten mit einem beruflichen Konflikt in Zusammenhang stehen. Die fünfte forschungsleitende Annahme dazu lautet:

5. Besonders Themen, Forderungen und Standpunkte des neuen feministischen Diskurses (3. und 4. Welle), werden mit einem beruflichen Rollenkonflikt in Verbindung gebracht, da sie (noch) in der Sphäre der Abweichung liegen.

Dies lässt sich bestätigen, denn 13 der Befragten nennen ein solches Thema. Von acht Personen wird explizit das Gendern als solches Thema genannt und von vier Personen die Menstruation.

Es gilt zu beachten, dass die Journalist*innen nicht konkret nach Themen im Zusammenhang mit einem Konflikt gefragt wurden, geschweige denn explizit nach Gendern oder Menstruation. Es ist also möglich, dass sie sonst noch mehr darüber gesprochen hätten. Auch hier war wieder das Ziel zu schauen, welche Aspekte die Befragten intuitiv nennen.

Reflexion und Fazit

Die Antwort auf die Forschungsfrage lautet: Journalist*innen, die sich als Feminist*innen verstehen, nehmen einen beruflichen Rollenkonflikt aufgrund ihres feministischen Anspruchs wahr. Die fünf forschungsleitenden Annahmen haben sich bestätigt.

Es bliebt die Frage, ob es diesen Rollenkonflikt wirklich geben müsste oder ob er nur von anderen, die dem Neutralitätsanspruch strikt folgen und den patriarchalen Strukturen auferlegt ist. Und es sich somit nur um einen Scheinwiderspruch handelt bzw. das direkte Ergebnis von bestehenden Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern in journalistischen Berufen sowie die Darstellung von Geschlecht in den Medienprodukten ist, die schon Klaus (2005) zufolge vor allem aus einem historischen Kontext erwachsen und bis heute fortbestehen. Gesellschaftliche Machtverhältnisse und die in der Gesellschaft dominierende Realität – und damit auch die Geschlechterkonstruktionen – würden bestimmen, wie das journalistische System organisiert sei und seine Umwelt wahrnehme (ebd.). Es scheint nur logisch, dass Menschen, die das aktiv kritisch hinterfragen und reflektieren, auf Konflikte stoßen. Vieles deutet darauf hin, dass die (vor allem nicht cis männlichen) Befragten dadurch in eine Art Grenzgänger*innentum gedrängt werden. Klaus und Wischermann (2013) haben dargelegt, dass sich Journalistinnen historisch gesehen schon immer oft intensiv mit der Stellung der Frau in der Gesellschaft auseinandergesetzt haben und die Frauenbewegungen sich auf Medien und Gesellschaft ausgewirkt hat. Damals wurden durch die Bewegungen viele Medien, besonders politische Frauenzeitschriften, gegründet. Sie schreiben: „Vieles spricht auf Basis der bisher vorliegenden Forschung für die These, dass den Frauenbewegungen eine Schlüsselfunktion in der Berufsgeschichte von Journalistinnen im deutschsprachigen Raum zukommt“ (ebd., S. 361). Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das heute zwangsläufig anders ist, und viele Aussagen der befragten Journalist*innen deuten darauf hin. Weitere Forschung ist nötig, um diesen Zusammenhang zu untersuchen.

Besonders die Tatsache, dass es egal zu sein scheint, ob die feministischen Journalist*innen für sich die Begriffe Aktivist*in und Rollenkonflikt wählen, aber trotzdem Konfliktsituationen erleben und alle unter dem Strich Geschlechtergerechtigkeit und -ausgewogenheit (in der Berichterstattung) erreichen wollen, stützt diesen Gedanken. Manche argumentieren, wie schon der US-amerikanische trans* Journalist Lewis Raven Wallace (2019), der in der Einleitung zitiert wurde, dass im Status Quo eine Ungleichberechtigung vorliegt und dass eine vielfaltigere Darstellung der Gesellschaft nötig ist, um die oft erwähnte bzw. geforderte Ausgewogenheit und Neutralität im Journalismus zu erreichen. Viele der Befragten weiten diesen Aspekt auf intersektional-feministische Perspektive aus und beziehen sich so nicht nur auf Geschlechter(gerechtigkeit), sondern beispielsweise auch auf Anti- Rassismus und Queersness.

An dieser Stelle sollte auch noch meine Position als Forschende reflektiert werden. Wie direkt in der Einleitung erwähnt, ist mein Forschungsinteresse daraus erwachsen, dass ich selbst als feministische Journalistin das Gefühl hatte, mich in einem Rollenkonflikt zu befinden bzw. diesen auferlegt zu bekommen. Damit bin ich Teil des Forschungsfeldes. Dieser Aspekt und damit zusammenhängend die Tatsache, dass ich medial als feministische Journalistin sichtbar und dem Forschungsfeld bekannt bin, hatte den Vorteil, dass ich einen einfachen Zugang zu den Befragten hatte. Zum einen waren mir viele feministische Journalist*innen namentlich bekannt, mit manchen war ich sogar online vernetzt. Zum anderen ist es durchaus möglich, dass das dazu geführt hat, dass so viele, teilweise auch sehr bekannte Journalist*innen, bereit waren, mit mir zu sprechen, weil sie durch meine Position automatisch Vertrauen in mich hatten, dass ich ihre Anliege verstehe. Teil des Forschungsfeldes sein, ruft gleichzeitig natürlich auch die Frage nach der Distanz auf den Radar.

Ich berufe mich in dem Zusammenhang auf Elisabeth Klaus (2005): „Geschlechterforschung ist immer schon mit dem Ziel angetreten, nicht nur blinde Flecken der Wissenschaft zu beseitigen, sondern auch die Kriterien und Vorgehensweisen einer weitgehend durch Männer geprägte Wissenschaft und Forschung zu kritisieren, zu beeinflussen und zu verändern“. Wer, wenn nicht eine Person, die diese blinden Flecken sieht, soll diese Forschung machen? Blinde Flecken sehen, heißt in diesem Fall aber automatisch Teil des Forschungsfeldes sein. „Der Forscher/die Forscherin ist bereits Teil des Forschungsfeldes: Wie alle Menschen sind auch Wissenschaftler oder angehende Wissenschaftler immer Teil des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Sie bewegen sich in bestimmten Kreisen und Milieus, sie wohnen in bestimmten Stadtteilen und gehen bestimmten Freizeitbeschäftigungen nach“ (Olaf Beuchling, 2015, S. 14). Antje Lettau und Franz Breuer (2007, S. 22) liefern „einen Gegenentwurf zu der (unrealistischen) Idee, Gegenstandscharakteristika aus einer neutralen Position heraus beschreiben zu können.“ Für sie sind Positionierungen, Perspektiven und persönliche Prägung der Forschenden wesentliche Informationen, die reflektiert und transparent gemacht werden müssen und die in der qualitativ-sozialwissenschaftlichen Methodik als „Erkenntnisfenster nutzbar gemacht werden“ können.

Idealerweise wird qualitative Forschung um quantitative Forschung erweitert, um ein Thema allumfassend zu erforschen. Das wäre auch bei diesem Forschungsthema erstrebenswert, da es sich hierbei lediglich um einen Startpunkt handelt, um diesen Themenkomplex näher zu erfassen. Mit qualitativer Forschung können keine repräsentativen Aussagen getroffen werden und keine exakt messbaren bzw. quantifizierbare Ergebnisse geliefert werden. Diese qualitative Forschung liefert vor allem Ursachen und Hintergründe. Mit diesem Wissen entstehen gute Anknüpfungspunkte für quantitative Forschung. Denn es deutet schon jetzt einiges darauf hin, dass es einen Unterschied machen könnte, ob die Journalist*innen festangestellt sind oder freiberuflich arbeiten, ob sie haupt- oder nebenberuflich arbeiten, wie alt sie sind, welches Geschlecht sie haben, ob sie von weiteren Diskriminierungen betroffen sind wie beispielsweise Rassismus und Queerfeindlichkeit und bei welchem Medium sie arbeiten. Manche der befragten Journalistinnen arbeiten bei einem feministischen Medium und erleben dort keinen Konflikt. Das deckt sich mit der Aussage von Gabi Horak (2008), die zwischen zwei unterschiedlichen feministischen Journalismen unterscheidet, nämlich dem feministischen Journalismus, der eigene Medien nutzt und damit eine eigene feministische Öffentlichkeit ist und damit eine Gegenöffentlichkeit zum Mainstream-Journalismus und andererseits den feministischen Journalistinnen, die versuchen, feministischen Journalismus als subversive Kraft innerhalb des Mainstreams zu etablieren. Beides habe Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede.

Ein Aspekt, der auch nicht außer Acht gelassen werden sollte, ist, dass es einfach ist, Journalist*innen ausfindig zu machen, die sich öffentlich als Feminist*in bezeichnen oder viel über feministische Themen berichten und diese dann für Interviews anzufragen. Glücklicherweise haben auch ein paar, die das nicht tun, meinen Aufruf gesehen und sich gemeldet. Trotzdem ist es möglich, dass es einen Unterschied gibt zwischen denjenigen feministischen Journailst*innen, die damit sehr sichtbar sind für Rezipient*innen und Kolleg*innen und denjenigen, die es nicht sind. Zudem scheint sinnvoll, das Wissen über das ambivalente Verhältnis mancher Journalistinnen zum Feminismus (Lüneborg, 1997) im Hinterkopf zu halten, wenn es um die Identifizierung feministischer Journalistinnen gerade innerhalb von Mainstream-Medien geht oder das Verstehen von möglicherweise widersprüchlichen Aussagen zum Feminismus, weil manche durchaus feministische Positionen vertreten, aber mit dem Wort Feminismus ein Problem haben. Es könnte also durchaus noch Personen geben, die man zu dem Thema gut befragen kann, die aber durch das Wort abgeschreckt wären.

Die Interviewgespräche lieferten viele spannende Anhaltspunkte für potenziell weiterführende Forschung. Die in dieser Arbeit identifizierten Themen, die in Zusammenhang stehen, könnten Ausgangspunkt für zukünftige Forschung liefern, um zu verstehen, um welche Themen es sich genau handelt und warum es damit Probleme geben kann.

Im Bereich Mental Health von Journalist*innen könnte in Bezug auf unterschiedliche Dinge, wie sexistische oder rassistische Diskriminierung am Arbeitsplatz oder durch Hate Speech, geforscht werden. Gerade das Thema Rassismus bzw. bewusst anti-rassistisch Sein in der Berichterstattung und in Redaktionen bietet viele Aspekte, an denen eine weiterführende Forschung ansetzen könnte. Dadurch, dass im Jahr 2020 die US-amerikanische Black Lives Matter-Bewegung auch in Deutschland im größeren Maße aufgegriffen wurde und medial sichtbar wurde, hat sich gezeigt, dass Rassismus auch in deutschen Medien oft noch ein blinder Fleck ist (Tammo Kohlwes, 2020 und Olivera Stajić 2020).

Weitere Aspekte, die für diese Arbeit bewusst ausgespart wurden, weil sie sonst den Rahmen einer Masterarbeit gesprengt hätten, sind die Publikumsperspektive bzw. ist die Publikumserwartungen in Bezug auf feministischen Journalismus und Objektivität und die Wechselwirkung zur journalistischen Arbeit. Das könnte auch noch erweitert werden um Fragen nach einem gewissen Rechtsruck der Gesellschaft und Backlashes in gesellschaftlichen Bereichen (Markus C. Schulte von Drach, 2019). Auch eine Bezugnahme oder ein Vergleich zu anderen Aktivismus-Bereichen wie Umweltaktivismus und Tierschutz wurden bewusst ausgelassen, aber bieten spannende Anknüpfungspunkte, denn auch dort könnte man potenzielle Rollenkonflikte untersuchen und fragen, wie zeitgemäß die neutrale Vermittler*innenrolle ist.

Podcastfolge über die Masterarbeit

Die Masterarbeit als Buch