Emotionaler Missbrauch ist keine Liebe: Was ich durch die Beziehung mit einem Narzissten gelernt habe

Diesen Text schreibe ich vor allem für mich und für alle, die etwas Ähnliches erlebt haben oder erleben. Es geht um narzisstischen Missbrauch in einer Partner*innenschaft, den ich mit diesem Text sichtbar machen möchte. Auch den Angehörigen von Betroffenen kann ich diesen Text empfehlen, um zu verstehen, was dem nahestehenden Menschen passiert ist.

Ich weise explizit darauf hin, dass ich keine Expertin im Sinne einer Psychologin oder Therapeutin bin, sondern sich meine Expertise darauf bezieht, dass ich betroffen war und aus erster Hand von meinen Erfahrungen berichten kann und mir viele Informationen angeeignet habe.

Ich möchte,

  1. darüber aufklären, was Narzissmus überhaupt ist, denn das wusste ich vorher auch nicht und es hätte mir sicherlich geholfen, das früher zu wissen.
  2. stellvertretend für die vielen Opfer von narzisstischem Missbrauch, das Schweigen brechen, davon erzählen und mich so auch selbst befreien.
  3. eine Perspektive dafür liefern, dass es möglich ist, so eine Beziehung hinter sich zu lassen. Ich möchte Mut machen.

Ich schreibe hier, was ich erlebt habe, welchen Weg ich gegangen bin und welche Gedanken und Erkenntnisse ich hatte. Natürlich kann dieser persönliche Bericht keine tiefgehende Aufklärung über Narzissmus liefern, sondern nur auf Literatur verweisen und erklären, wie mir diese persönlich geholfen hat. Zudem möchte ich darauf hinweisen, dass der Missbrauch noch deutlich tiefer gehen kann, als ich es erlebt habe. Dann kann therapeutische Hilfe sinnvoll sein. Zudem bezieht sich der Text auf das Leiden in der Opferperspektive. Auch Narzisst*innen 1Häufig hört man im Zusammenhang mit Narzissmus besonders von cis-männlichen Narzissten. Aber nicht nur auf die beschränkt sich Narzissmus. Allerdings heißt es immer wieder, dass sich (cis-)-weiblicher Narzissmus anders äußert und seltener vorkommt. Müsste ich jetzt Vermutungen anstellen, würde ich sagen, das hat etwas mit der patriarchalen Gesellschaft zu tun und der Möglichkeiten für Cis-Männer in ihr. Mehr Informationen zu „weiblichem Narzissmus“ hier:  https://umgang-mit-narzissten.de/weiblicher-narzissmus/ und https://www.netdoktor.de/krankheiten/narzisstische-persoenlichkeitsstoerung/weiblicher-narzissmus/ (Leider ist die Forschung dazu binär und cis-geschlechtlich ausgelegt, deshalb diese Formulierungen meinerseits.) Im weiteren Textverlauf spreche ich von Narzissten, weil sich meine Beschreibungen auf „männlichen Narzissmus“ beziehe, der aber natürlich nicht in allen Facetten anders ist. leiden unter ihrer Persönlichkeitsstörung immens, auch dazu habe ich mich belesen, aber das ist nicht der Schwerpunkt dieses Textes.

Was ist Narzissmus?

Als ich meinen Ex-Partner mit 19 Jahren kennenlernte, wusste ich nicht, was Narzissmus ist. Ich kannte diesen Begriff nur im Zusammenhang damit, dass jemand „halt ein bisschen selbstverliebt und arrogant“ ist. Mir war nicht klar, was eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ist und wie leidtragend sie für den Betroffenen ist und wie gefährlich sie für sein Umfeld sein kann. Mir war bewusst, dass mein Ex-Partner sehr selbstverliebte und selbstbewusste Züge hat. Aber beides kannte ich von mir selbst und hätte nicht gedacht, dass das problematisch sein kann. Ich dachte, jeder Mensch hätte zwei Seiten und es gebe immer ein Gegengewicht, weil ja, ich selbst kann sehr selbstbewusst und selbstverliebt sein, aber kenne auch Selbstzweifel und war schon immer sehr emphatisch und mitfühlend gegenüber anderen Menschen.

Nach dem DSM-5 der fünften Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, zu Deutsch „Diagnostischer und statistischer Leitfanden für psychische Störungen“ treffen mindestens fünf der folgenden neun Kriterien auf einen Narzissten zu:

  1. Verlangt nach übermäßiger Bewunderung.
  2. Legt ein Anspruchsdenken an den Tag (das heißt übertriebene Erwartungen an eine besonders bevorzugte Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen).
  3. Ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch (das heißt zieht Nutzen aus anderen, um die eigenen Ziele zu erreichen).
  4. Hat ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit (überbetont z.B. die eigenen Leistungen und Talente; erwartet, ohne entsprechende Leistungen als überlegen anerkannt zu werden).
  5. Ist stark eingenommen von Fantasien grenzenlosen Erfolgs, Glanzes, unendlicher Macht und Schönheit oder idealer Liebe.
  6. Glaubt von sich, „besonders“ und einzigartig zu sein und nur von anderen besonderen oder angesehenen Personen (oder Institutionen) verstanden zu werden oder nur mit diesen verkehren zu können.
  7. Zeigt einen Mangel an Empathie: Ist nicht willens, die Gefühle und Bedürfnisse anderer zu erkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren.
  8. Ist häufig neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch auf ihn/sie.
  9. Zeigt arrogante, überhebliche Verhaltensweisen oder Handlungen.

Nachdem ich mich mittlerweile ausgiebig mit dem Thema narzisstische Persönlichkeitsstörung beschäftigt habe und unter anderem einige Bücher darüber gelesen habe, möchte ich manchmal gerne glauben, dass wenn mir damals jemand diese Liste mit den neun Punkten gezeigt hätte, ich viel früher geahnt hätte, dass mein Ex-Partner ein Narzisst ist. Denn es ist erschreckend, wie sehr gleich alle neun Punkte auf ihn zutreffen. Aber die Wahrheit ist, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass ich das inmitten des Liebesrausches und der narzisstischen Manipulation wirklich verstanden hätte.

Love-Bombing

Typisch für die Beziehung mit einem Narzissten ist eine Phase des Love-Bombing. Narzissten können sehr charmant, charismatisch, aufmerksam und fürsorglich sein. Man glaubt, in ihnen einen Seelenpartner gefunden zu haben. Sie machen schöne Komplimente, finden großartig, was man tut und stärken einen in dem, was man tut. So eine Phase bzw. solche Phasen habe ich auch erlebt. Ich wurde regelrecht geblendet davon, dass mein Ex-Partner sich vermeintlich wirklich für mich als Person und was ich tue, interessierte und mir zuhörte und mich bestärkte. Sehr lange hatte ich mir das gewünscht. Allerding ist es für Narzissten extrem anstrengend, diese Fassade aufrechtzuerhalten und legt dann gerne auch ein extremes Tempo voran. Ich erinnere mich daran, dass mein Ex-Partner mich mit Liebesbotschaften überschüttete. Ich weiß nicht, wie, aber er schaffte es immer noch, sich weiter zu steigern. Ich erinnere mich daran, dass ich kurz den Gedanken hatte, dass ich es ein bisschen viel und übertrieben fand, mir so oft und ausschweifend „Ich liebe dich“ zu sagen und dass ich es eigentlich nicht abnutzen wollte, aber dann doch wieder dachte, dass es irgendwie romantisch sei.

Narzisstischer Missbrauch durch Manipulation und respektloses Verhalten

Dadurch, dass es dieses Verhalten gab, war ich davon überzeugt, dass es mein Partner gut mit mir meinte. Ich habe zweieinhalb Jahre nicht an seiner Aufrichtigkeit und seinen guten Absichten gezweifelt. Und das, obwohl es rückblickend betrachtet sehr viele Dinge gab, die noch nie gut liefen. Es ist schwer, bei einer narzisstischen Beziehung zu erkennen, was normal und was krankhaft war, weil die Übergänge meist fließend sind. Dazu muss man wissen, dass Narzissten es stets schaffen, sich mit Worten in ein günstiges Licht zu stellen. Sie können sich um Kopf und Kragen reden und alles so drehen, dass es logisch erscheint. So auch mein Ex-Partner. Er schien für alles immer ein gutes Argument zu haben, z.B. dafür, warum er so wenig Zeit für mich hatte. Warum dies oder jenes so war. Er schaffte es, mich immer wieder glauben zu lassen, dass wir die gleichen Ziele, Werte und Ansichten hatten. Er ließ mich glauben, dass er meine feministischen Werte teilt. Ein sehr typisches Verhalten.

So eine Beziehung gleicht einem Drogenrausch. Aber der Traum entwickelt sich zum Alptraum. Und durch diesen drogensuchtähnlichen Charakter macht es so schwer auszusteigen. Auch ich wollte mich mehrfach aus der Beziehung befreien, da ich sie nicht als sinnvoll und erfüllend empfand. Immer wieder gelang es ihm, mich zurück in seinen Sog zu ziehen. Dieses On/Off in Dauerschleife ist typisch. Narzissten manipulieren gezielt damit, indem sie mit Verlustangst der Partnerin*des Partners spielen. Sie haben in Vorfeld genau austariert, wie weit sie gehen können und was sie tun müssen, damit der*die Partner*in wieder einknickt.

Das Problem ist, dass Narzissten kaum bis keine Empathie haben, aber einem gut vorspielen können, dass sie die hätten. Und wenn man dem Narzissten erstmal blind vertraut, kann die Manipulation losgehen. Ziel eines Narzissten ist es die Kontrolle und Aufmerksamkeit über einen zu erlangen. Denn sie gewinnen ihren Selbstwert aus der Aufmerksamkeit und Anerkennung der anderen. Eine typische Aussage ist der Vorwurf, dass die Empfindungen unberechtigt und übertrieben sind und sogar Ursache für Beziehungsprobleme. Mein Ex-Partner hat es besonders geschickt angestellt. Erst gab er mir das Gefühl, dass er Verständnis hat für alles, was mich beschäftigt, und kam dann mit einem „ja aber“ um die Ecke und dreht es dann exakt so, dass ich ja übertreibe und noch an mir arbeiten müsse, aber mit dem Zusatz, dass er ja nur das Beste von mir wolle. Er argumentierte dann gerne so, dass er als der fast acht Jahre ältere, ja einfach schon weiser sei als ich. Dass er einfach ein eher rationaler Mensch sei und ich ein eher emotionaler, dass er das toll findet, weil es sich ja so wunderbar ergänzt, aber trotzdem eigentlich nichts mit meinen Emotionen zu tun haben will und ich lernen solle, mit ihnen umzugehen.

Ein Narzisst schafft es fast immer, die Tatsachen so zu verdrehen, dass alle anderen im Unrecht zu sein scheinen, nur er nicht. Mein Ex-Partner schmiss mit vielen klugen Lebensweisheiten um sich, die alle an der richtigen Stelle gebracht auch stimmen. Doch er wand sie in Situationen an, auf die sie nicht passten und manipulierte damit.

Das Ganze kann sogar so weit gehen, dass man seiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr traut. Auch mein Ex-Partner hat es geschafft, dass ich sämtliche Fehler bei mir gesucht habe. Er hat mir das Gefühl gegeben, dass ich es ihm nicht recht machen kann und ihn immer unfair behandle und ihm kein Verständnis entgegenbringe. Dabei war ich diejenige, die irgendwann fast nur noch ausschließlich darüber nachgedacht hat, Bücher für ihn gelesen hat, alles Mögliche getan hat, um ihn, seine Bedürfnisse und Ansichten zu verstehen. Meine Freund*innen haben hilflos zugesehen, wie ich mich für diese Beziehung kaputt gemacht habe.

Bei uns drehten sich die Themen hauptsächlich um unsere offene Fernbeziehung. Manchmal sahen wir uns mehr als zwei Monate nicht und er warf mir vor zu „needy“ zu sein. Ich solle mir Bedürfnisreserven nach ihm besser einteilen und das Vermissen sinnlos sei. Er vermisse mich zwar auch, aber eben auf eine gesunde Weise. Ich müsse Verständnis haben, das er wegen seiner Arbeit nicht öfter Zeit habe. Auch der Sex kann Teil der abhängig machenden Wirkung sein, mit der gespielt wird. Mein Ex-Partner hat mir beispielsweise vorgeworfen, dass ich eine zu große Libido habe. Zum offenen Teil der Beziehung durfte ich auch keine Unsicherheiten oder Bedenken äußern. Ich habe für ihn extrem viele Bücher zu dem Thema gelesen und sogar entsprechende Treffen besucht. Ich dachte die ganze Zeit, dass entgegen meiner vorherigen Annahme, eine offene Beziehung vielleicht einfach nichts für mich wäre. Aber das war nicht der Fall. Mein Unterbewusstsein hat bloß die ganze Zeit gespürt, dass irgendetwas nicht stimmt. Dass er zwar offene, ehrlich Kommunikation predigt, aber selbst nicht authentisch ist. Dass, was wir hatten, nie eine gesunde Beziehung war, sondern schon immer hochgradig toxisch. Ein anderes Beispiel: Es schien ihn nie zu berühren, mich in Tränen aufgelöst zu sehen. Er gab zwar vermeintlich immer klein nach und sagte er verstehe, aber wirklich etwas getan hat er nie.

Hatte ich etwas mit anderen Menschen, schaffte er es tatsächlich dies mir vorzuwerfen mit so Argumente wie „Ich wollte der erste sein, mit dem du in deiner neuen Wohnung Sex hast“. Andersherum warf er mir vor, zu eifersüchtig zu sein, dabei ging es eigentlich hauptsächlich darum, dass ich es doof fand, dass andere ihn häufiger sahen, als ich, seine eigentliche Freundin. Ein elementarer Unterschied.

Auf der einen Seite probierte er mir die ganze Zeit einzutrichtern, dass ich in meine Freundschaft Plus verliebt sei (das war nicht der Fall) und dass das ja toll wäre, weil er ja auch eher „poly“ sei. Heute kenne ich mich im Bereich der nicht monogamen Beziehungsformen besser aus und weiß, dass seine Kommunikation zu dem Thema von Anfang an absolut nicht in Ordnung war. Nicht nur, dass er nicht offen und ehrlich über seine Bedürfnisse und Vorstellungen sprach, sondern sogar mal das eine und dann wieder das andere sagte, sondern auch, dass er mich immer wieder dazu drängte, meine Grenzen zu überschreiten und mich so zu Dingen drängte, zu denen ich (noch) nicht bereit war. Gleichzeitig hat er jeden Mann, mit dem ich je Sex hatte, abgewertet. Sagte mir, alle Männer, die ich je kannte, hätten mich schlecht behandelt, meinen wahren Wert nicht erkannt und dass er der einzige wäre, der mich sehen würde. Das läge daran, dass wir beide sehr besondere, komplexe Menschen sind und deshalb bräuchten wir ja einander, weil niemand uns je so verstehen würde, wie wir das täten. Das mit uns sei für immer und ich seine Seele.

Diese hier von mir beschriebene Form des psychischen Missbrauchs nennt sich Gaslighting. Da sich Opfer und Täter*in in einem Vertrauensverhältnis befinden, vertraut das Opfer den manipulierenden Aussagen.

Das manipulative Verhalten zusammengefasst:

  • Absprechen von Gefühlen
  • Behaupten von unwahren Taten
  • Behaupten oder Leugnen bestimmter Aussagen und Taten
  • Bestreiten tatsächlich stattgefundener Ereignisse
  • Zuschieben von Schuld für Probleme in der Beziehung
  • Verdrehen von Sachverhalten und Aussagen

Leider lässt sich die Manipulation erst im Nachhinein mit entsprechendem Abstand in ihrer Komplexität begreifen. So war es auch bei mir. 

Krankhaftes Lügen

Ein Narzisst wird alles tun und alles behaupten, um nie in die Situation zu kommen, ein Fehlverhalten eingestehen zu müssen. Lügen sind sein Werkzeug. Fällt dann doch mal was auf, streitet er es entweder ab oder sagt, die Erinnerungen der Person seien falsch. Das pathologische Lügen ist deshalb so verwirrend, weil Narzissten das so überzeugend können. Will man sie enttarnen, sind sie dazu fähig, so schnell neue Lügen auszusprechen und einen in endlose Diskussionen zu verwickeln.

Bei mir war es so, dass ich zweieinhalb Jahre der felsenfesten Überzeugung war, dass mein Ex-Partner ein durch und durch ehrlicher Mensch ist. Mir war zwar bewusst, dass er nicht perfekt war und dass wir durchaus Schwierigkeiten hatten, aber ich habe ihm blind vertraut. Dann kam der Supergau und das Lügengerüst, was er zweieinhalb Jahre errichtet und erhalten hatte, brach zusammen. Seine andere Partnerin meldete sich bei mir. Schon mehrfach hatte sie ihn beim Lügen enttarnt und war ihm auch jetzt auf die Schliche gekommen. Nämlich, dass er ja auch in Hamburg eine Beziehung führte, mit mir nämlich. Mein Ex-Partner spielte ihr und mir gleichzeitig vor, mit uns eine Beziehung zu führen.

Wie es dazu kommen konnte: Wir alle drei besuchten die gleiche Hochschule in meiner Heimat. Sie und ich waren beide 19 Jahre alt, als wir den damals 28-jährigen Dauerstudenten kennenlernten.

Wir beide haben uns schnell in ihn verliebt. Es war aber nicht so, dass wir beide von Anfang an „offiziell“ mit ihm zusammen waren. Man traf sich halt so. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass das nie eine dieser Fickbeziehungen war. Stunden über Stunden verbrachte ich damit, mit ihm über die Welt zu philosophieren. So lange und so viel, dass er der Mensch werden konnte, der mich am besten kannte.

Ich war unter anderem im Ausland und viel in Hamburg für Praktika. Dadurch war es leichter für ihn, die Beziehung zu ihr geheim zu halten bzw. mich vor ihr. Nichtsdestotrotz war es nie ein super krasses Geheimnis. Alle meine Freund*innen wussten von ihm, kannten ihn teilweise. Auch dadurch, dass er in einer WG wohnt, wo immer viele Menschen waren, wussten auch diese davon.

Es kam der Tag, als ich durch einen Zufall erfuhr, dass er etwas mit dieser anderen Frau hat. Ich fragte ihn danach. Ja, es stimmte. Ich war nicht begeistert, weil ich mit ihr nicht die besten Erinnerungen verband. Es war ungefähr diese Zeit, da wollten sowohl sie als auch ich, dass es ernster wird. Freiheit in der Liebe, ja bitte, aber doch eben auch ein bisschen Commitment. Eine offizielle, offene Partner*innenschaft.

Wie ich später von ihr erfuhr, ging er diese Form von Partner*innenschaft mit ihr ein. Während er und ich uns auch regelmäßig wenigstens einmal die Woche sahen, einen intensiven Sommer verbrachten und quasi täglich kommunizierten. Das mit der Partner*innenschaft klappte bei uns da noch nicht (warum nur?). Ich dachte vor allem, dass es eh kein Sinn machte, wenn ich wegziehe.

Denn: Wir wussten beide, es würde der Tag kommen, an dem ich nach Hamburg ziehe. Kurz nach meinem Umzug waren wir „offiziell“ in einer offenen Beziehung. Jetzt oder nie hatte ich mir gedacht. Nie hast du einen Menschen so sehr geliebt wie ihn. Es ist doch nur noch Formsache, wir lieben uns doch schon so lange.

In dem Moment, in dem wir uns für „offizielles“ Zusammensein entschieden, legten wir natürlich auch erstmalig Regeln fest. Offene Beziehung, okay, was heißt das? Für uns hieß es vor allem zwei Dinge: Erstens, nie ohne Kondom mit anderen schlafen, sprich, wir sind ohne Gummi exklusiv (diese Regel galt allerdings auch schon laaaaange davor) und zweitens, wir wissen IMMER von den jeweiligen Affären und Sexpartner*innen des*der anderen Bescheid (und diese auch von uns).

Das war der Zeitpunkt, wo die andere Frau nochmal ins Spiel kam. Ich wollte wissen, wie lange sie schon etwas hatten. „Seit einem Jahr“, sagte er. Jetzt weiß ich, es waren zu dem Zeitpunkt, genau wie bei mir, zwei Jahre.

Dass er öfter in Hamburg war, konnte natürlich nicht verborgen werden. So kam es, dass sie von mir erfuhr. Allerdings log er sie an, genau wie mich. Er sei dort geschäftlich. Würde mich nur zwischendurch mal sehen. In Wahrheit verbrachten wir lückenlos Tage am Stück miteinander. Im Gegensatz zu mir hatte sie ihn schon mehrmals beim Lügen enttarnt. Deshalb blieb sie misstrauisch. Ich hingegen habe ihm blind vertraut. Nichts finde ich schlimmer als Misstrauen und Eifersucht.

Ein paar Wochen vorher erst, hatte ich ihn gefragt, ob er mich schon mal angelogen hatte. Er sah mir in die Augen und sagte: „Nein“. Zudem meinte er zu mir, dass er die Affäre mit der anderen Frau beendet habe. Zuletzt beteuerte er dies wenige Tage bevor alles aufflog. Ebenso wie er ihr beteuerte, dass er und ich keine Beziehung gehabt hätten und ich mir diese „eingebildet“ hätte.

Glücklicherweise gibt es heutzutage Messenger-Dienste, die so etwas unmissverständlich dokumentieren. Missverständnisse ausgeschlossen, selbst für eine*n Fremde*n, die*der das liest. Sie hatte derweilen Social Media Stalking betrieben und ein paar Texte gefunden, die auf eine Fernbeziehung hindeuteten und ein Foto von ihm und mir, inklusive Freund*innen. Meinen Freund*innen! Er hatte ihr erzählt, wir würden gemeinsame Unifreund*innen treffen.

Und so kam es, dass sie mich endlich anschrieb, wir dann telefonierten und ich wenig später in einer Nacht-und-Nebelaktion in den Zug stieg. Die Nacht: Sie holte mich um zwei Uhr am Bahnhof ab. Wir beide wussten: Er hat uns beide nach Strich und Faden belogen. Es sollte eine lange Nacht werden. Er, der zu diesem Zeitpunkt in einem Club arbeitete, wusste noch gar nichts. Ich schrieb mit ihm, als sei nichts gewesen, um herauszufinden, wann er wohl nach Hause kommen würde.

Die ganze Nacht parkten sie und ich in seiner Straße und redeten, während wir warteten. Wir hatten uns so viel zu erzählen. 2,5 Jahre und alles gelogen. Vielfach hatten wir das Gleiche erlebt, uns über die gleichen Dinge geärgert und die gleichen Dinge kritisiert.

Andere Sachen waren völlig unterschiedlich. Seit er und ich „zusammen waren“ hatte er mich mit Liebesbotschaften überschüttet. Sogar Gedichte geschrieben, so wie ich ja auch. So etwas gab es bei ihnen nicht. Dafür hatte sie bei ihm zuhause ihr eigenes Schränkchen. Ihren ganzen Kram. War zeitweise fast täglich da.

Als wir ihn später konfrontierten, sagte er, er liebe uns beide. Sie sei Alltag und ich sei Seele. Wir beschimpften und beleidigten ihn in einem Ausmaß, das ich hier nicht wiederholen werde. Seine einzige Erklärung für all das war seine „Schwäche“. Aber wenn man die Lügen rausrechnen würde, wäre der Rest trotzdem wahr. Sprich, seine „Liebe“.

Was das Krasseste von allem war: Er schlief mit uns beiden ohne Kondom. Dass das kein Konsens wäre, sagte ich ihm. Und dass er das Wort Feminismus nie wieder in den Mund nehmen solle. Denn er nannte sich Feminist und feierte meine Ansichten, meine Kolumne und meinen Aktivismus.

Der Weg raus aus der Beziehung

Emotionalen Missbrauch nannte ich das schon damals und schrieb wenige Tage später einen Artikel über das Erlebte. Wir waren beide 19 Jahre alt und an einem emotional sehr verletzbaren Punkt, beide aus unterschiedlichen Gründen, als wir ihn kennenlernten. Allerdings las ich erst ein halbes Jahr später Bücher über Narzissmus und realisierte dann erst, was überhaupt passiert war.

Ein halbes Jahr lang lebte ich in einer Art Schockzustand und quälte mich damit, dass ich nicht verstand, was passiert war. Ich konnte es mit meinem Verstand nicht erfassen. Erst durch die Bücher verstand ich dann auch warum.

Solange man nicht weiß, was Narzissmus ist bzw. ihn nicht wirklich verstanden hat, probiert man alles Erlebte mit seinem eigenen Verstand zu messen, was aber nie Sinn ergeben wird, weil Narzissten elementar anders denken. Ihre Persönlichkeit funktioniert anders. Erst, wenn man versteht, wie sie ticken, ergibt alles einen Sinn. Einen schmerzhaften Sinn, aber man versteht es endlich. Nur so kann man sich aus der Umklammerung lösen. Ansonsten werden die vielen quälenden Fragen, die durch eine lange und intensive Phase von Demütigungen und Erniedrigungen entstanden sind, wie ein Feuer in der Seele brennen. Ich konnte mich erst befreien, als ich Narzissmus aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet und von seiner ganzen Vielfalt sowie sämtliche Erscheinungsformen erfahren hatte.

Der psychologische Berater Sven Grüttefien schreibt in seinem Buch „Wie befreie ich mich von einem Narzissten?“, was ich wärmstens empfehle: „Ich bin jedoch davon überzeugt, dass sie ohne dieses fundamentale Verständnis ihr erlebtes Schicksal und das anhaltende Leid niemals ganz begreifen und somit auflösen können. […] Sie sollten erkennen, dass der krankhafte Narzissmus eine Gefahr für ihre Seele, für ihren Körper, für ihre Lebensfreude und für ihre Selbstbestimmung darstellt. Eine solche Beziehung ist Gift fürs Leben. Außerdem sollten sie lernen, einzusehen, dass sich ein Narzisst niemals ändern wird, dass er Einsicht und Reue ebenfalls vorspielen kann, um ihre Gunst zurückzugewinnen und dann mit dem alten Spiel fortzufahren.“

Letzteres hat mein Ex-Partner tatsächlich probiert. Am Anfang fand ich es erstaunlich, wie wenig Reue er zeigt. Ich wusste ja noch nicht, was Narzissmus ist. Ein paar Wochen, nachdem wir ihn enttarnte hatten, versuchte er meine Gunst zurück zu gewinnen, wollte mir erklären, wie ich ihn „händeln könnte“. Wollte mir das Werkzeug dafür in die Hand geben. Er sah sich als Gott und mich als Göttin, die sich auf dem Olymp trafen. Etwas ganz Besonderes und wir könnten ja jetzt einfach polyamorös leben. Alle. Keine Lügen mehr. Ich gebe zu, ich habe kurz darüber nachgedacht, so tief drin war ich in seinem Sog, aber habe mich dagegen entschieden. Nach der Enttarnung dieses großen Lügengerüstes und dem damit zusammenhängenden Wissen, dass nichts ehrlich war zwischen uns (er behauptete natürlich das Gegenteil), gab es für mich kein Szenario, indem ich darüber hinwegsehen und wieder mit ihm zusammen sein könnte. Expert*innen wie Sven Grüttefien sehen die einzige Chance auf Heilung oft darin, den Narzissten radikal aus seinem Leben zu streichen. Absolut gar keinen Kontakt mehr.

Es fühlte sich an, als sei ich innerlich zerbrochen. Um anderen begreiflich zu machen, wie es mir ging sagte ich immer wieder, er habe meine Seele vergewaltigt. Ich fühlte mich gebrochen. Ich war nicht mehr der Mensch, der ich vorher war. Gleichzeitig machte ich mir selbst viele Vorwürfe, wie konnte es denn sein, dass so eine intelligente und reflektierte Frau wie ich, in diese Situation geraten war. Ich hatte mich nicht auf meine Menschenkenntnis verlassen können. Das passte nicht zu meinem Selbstbild.

Ich finde es für Betroffene und ihr Umfeld essentiell wichtig zu verstehen: Der Schmerz, den man empfindet, ist nicht mit normalem Liebeskummer zu vergleichen. Die Abhängigkeit vom Narzissten wurde über viele Jahre gezüchtet und kann nicht auf Knopfdruck abgelegt werden. Seelischer Missbrauch ist Missbrauch und keine Liebe.

Auch in diesem Zusammenhang haben mir die Bücher sehr geholfen. Ich lernte, dass die*der „typische Partner*in“ eines Narzissten gerne als „Co-Narzisst*in“ bezeichnet wird und sich dadurch auszeichnet, dass sie*er ein geringes Selbstwertgefühl, aber viel Empathie hat. Diese Menschen haben eine schlechte Meinung von sich und glauben, dass andere mehr wert sind als sie. Sie denken, dass sie ihrem Partner dienen müssen. In dieser Beschreibung habe ich mich allerdings nicht wiedergefunden.

Dann lernte ich, dass es auch die Variante „selbstbewusste*r Partner*in“ gibt. Diese Person hat ein positives Selbstbild und ebenfalls viel Empathie. Sie tritt nach außen selbstbewusst auf und ist überzeugt von ihren Ansichten und Fähigkeiten. Sie weiß, dass sie etwas kann und lässt sich von fremden Meinungen nicht so leicht beeinflussen. Sie steht für eine Sache und kämpft. In dieser Beschreibung fand ich mich wieder. In diesem Zusammenhang macht die Empathie den Unterschied. „Der*die selbstbewusste Partner*in“ ist empathisch und sieht über die Bedürfnisse und Meinungen anderer nicht rücksichtslos hinweg. Er will niemanden verletzen. Durch die Empathie ist diese Person nicht skrupellos, aber eben auch anfälliger vor seelischen Verletzungen. Sie ist emotional und hat ein hohes Maß von Einfühlvermögen bis hin zur Überempathie. Ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und ihre große Empathie sorgen dafür, dass so eine Person selbst in extremen Situationen noch eher bereit ist, dem (narzisstischen) Partner zuzuhören und Verständnis aufzubringen, als zu realisieren, dass er schon weit über ihre Grenzen gegangen ist. Die Person hat also mehr Mitgefühl für den Partner als für sich selbst. Der vermeintliche Schutzmantel des Narzissten mit seiner dominanten Ausstrahlung erweckt für so eine Person den Eindruck, er könne die Seele behüten.

Klingt erstmal bescheuert, aber so habe ich es tatsächlich auch erlebt. Ich sehnte mich nach einem Partner, der mir in Bezug auf Selbstbewusstsein und Extrovertiert-Sein ähnlich ist, der mir gerecht werden kann und bei dem ich mich auch mal anlehnen kann. Bei einer solchen Person muss der Narzisst in der Regel ein bisschen mehr Energie aufbringen, als bei „Co-Narzisst*innen“, weil zu Beginn der Beziehung das Selbstwertgefühl ja vorhanden ist. Je nachdem, wie lange der narzisstische Missbrauch andauert, kann er das Selbstwertgefühl vollständig zerstören. Als vollständig zerstört habe ich meins zwar nie gesehen, aber deutlich beschädigt.

Die meisten Opfer von Narzissten wollen sich wirklich lösen, schaffen es aber einfach nicht. Sie werden immer wieder von ihren Gefühlen und Erinnerungen überrollt. Ich habe es geschafft, mich zu lösen. Ich hatte keinen Kontakt mehr zu meinem Ex-Partner und dank der Bücher auch endlich verstanden, was passiert war. Wichtig ist es, dass man die Erlebnisse nicht leugnet, dass man nicht zu hart mit sich ins Gericht geht. Gefühle zulassen und annehmen. All das klingt einfacher gesagt als getan. Nach der Lektüre der Bücher fiel auch ich erstmal noch in ein tiefes Loch. Zwei Monate depressive Phase. Das Gedankenkarussell beenden, Selbstwertgefühl wieder aufbauen und sich vom Scham befreien, sind Schritte, die ich gehen musste. Es kostet Zeit. Das Wichtigste ist, sich selbst zu verzeihen. Das war auch für mich das Schwierigste.

Nicht selten erleiden Betroffene durch narzisstischen Missbrauch eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Das ist eine verzögerte Reaktion auf ein extrem belastendes Ereignis und basiert auf dem Gefühl der Angst und Schutzlosigkeit, der erlebten Hilflosigkeit, dem Mangel an Bewältigungsmöglichkeiten und einem Gefühl des Kontrollverlusts. Auch andere Symptome können auftreten. Dann sollte ggf. therapeutische Hilfe aufgesucht werden. 

Auch als ich mich neu verliebt habe, gab es immer noch Situationen, die mich auf Grund des Erlebten so getriggert haben, dass ich mich wieder fühlte, als sei ich in der Situation von früher. Diese Situationen hatten dann aber wenig mit der Realität zu tun. Das kann dann auch in der Gegenwart belastend sein und erfordert viel Empathie und Verständnis von (potenziellen) neuen Partner*innen.

Wer bis hierhin durchgehalten hat und sich fragt, was ich denn nun durch die Beziehung mit einem narzisstischen Partner gelernt habe (das steht ja schließlich in der Überschrift), dem*der sei gesagt:

Ich habe vor allem gelernt, was keine Liebe ist. Missbrauch ist eben keine Liebe, obwohl wir oft beispielsweise medial in Filmen oder Büchern vermeintlich große Liebesgeschichten gezeigt bekommen, wo Menschen große Leiden durchleben, sich gegenseitig wer weiß wie verletzen und am Enden nach viel Leid mit der vermeintlich großen Liebe belohnt werden. Genau da fängt es schon an. Liebe hat niemals etwas mit Leid zu tun. Natürlich macht nicht jede toxische Verhaltensweise jemanden zum Narzissten oder eine Beziehung durch und durch schlecht, aber toxische Beziehungsdynamiken sind nie gesund. Das weiß ich jetzt. Folglich weiß ich jetzt auch, was mir im Zusammenhang mit Liebe und Beziehung wichtig ist und was ich nie wieder haben möchte.

Da ich jetzt vor allem weiß, was Narzissmus ist, weiß ich zum einen welche anderen Menschen, die ich kannte oder kenne, narzisstisch sind und kann zukünftig Menschen schneller enttarnen und weiß, dass und wie ich mich schützen muss.

Ich habe aber auch mich besser verstanden. Um zu verstehen, was mit „seinem persönlichen Narzissten“ passiert ist, muss man nicht nur Narzissmus verstehen, sondern auch in sich rein horchen. Seine Persönlichkeitsstruktur analysieren. Es gibt nämlich immer Gründe dafür. Im Fachjargon nennt sich das Schema. Und es wird immer mehrere Schemata geben, die auf einen zutreffen. Das ist wie ein Auslöser, auf den der Narzisst drückt und uns schwach werden lässt. Dadurch, dass sich meine Schemata jetzt kenne, kenne ich mich jetzt besser und weiß auch, an welchen Baustellen ich bei mir zu arbeiten habe oder welche Traumata und Ängste ich zu versorgen habe. Langfristig kann ich davon sogar profitieren, wenn ich darauf gezielt Selbstfürsorge betreibe.

Meine Empfehlungen für weiter Informationen:

  • Sven Grüttefien
    • Buch: „Wie befreie ich mich von einem Narzissten?“
    • weiterer Bücher zum Thema Narzissmus zugeschnitten auf bestimmte Situationen
  • Dr. med. Pablo Hagemaeyer „Gestatten, ich bin ein Arschloch. Ein netter Narzisst, und Psychiater erklärt, wie sie Narzissten entlarven und ihnen Paroli bieten“

Hilfe für Betroffene:

www.hilfefueropfervonnarzissten.com