Mein Leben im schottischen Idyll

Fort Augustus vor Loch Ness. Wo ist denn Nessi? Foto: privat
Fort Augustus vor Loch Ness. Wo ist denn Nessi? Foto: privat

Im Januar dieses Jahres war es endlich so weit: Mein Auslandssemester. Es sollte nicht nur mein erstes Mal im Vereinigten Königreich sein, sondern auch das erste Mal länger und weiter weg von Zuhause. Und endlich ging auch mein Traum in Erfüllung ein Land voller englischer Muttersprachler*innen zu erleben, zumindest theoretisch. Vier Monate verbrachte ich in der schottischen Stadt Stirling. Sie liegt genau in der Mitte zwischen Schottlands Hauptstadt Edinburgh und der größten Stadt Glasgow. Beide Städte sind mit einer direkten Zugverbindung in weniger als einer Stunde gut zu erreichen.

Vor Ort lebte ich in einem Wohnheimkomplex auf dem Campus der University of Stirling. In meiner internationalen WG, bestehend aus einer Schwedin, einem Schweden und einem Spanier durfte auch meine beste Freundin Désieree nicht fehlen. Seite an Seite erlebten wie vier unvergessliche Monate. Eine Zeit, die unsere Freundinnenschaft nur noch hat stärker werden lassen.

Schottland ist vor allem eins: Natur pur

Unser erstes Anliegen war natürlich so viel wie möglich vom Land zu sehen. Nach nur zwei Wochen begaben wir uns auf eine Dreitagesreise mit Heartlandtravel, einem Reiseanbieter extra für die internationalen Studierende. Zusammen mit unserem Busfahrer und Reiseführer Nory und einer netten internationalen Truppe durchfuhren und bewanderten wir die Highlands, die bei mir einen äußerst eindrucksvollen Eindruck hinterlassen haben. Wir sahen mehr „Löcher“ (Loch = See), als man zählen kann und hielten im Loch Ness, nach dem Sehungeheuer Nessi Ausschau. Auf der Isle of Sky sahen wir bei schottischem Grausewetter (Regen und Wind) welche der schönsten Orte Schottlands: Der Wasserfall bei Kilt Rock und die vielen kleinen Hügelchen bei Fairy Glen. Gemeinsam bestaunten wir Burgen und Drehorte von Harry Potter und Outlander. Nory war ein großartiger Entertainer und brachte uns auf humorvolle Weise die schottische Geschichte und die schottischen Sagen näher. Die Abende verbrachten wir in einer urigen Unterkunft neben dem Loch Carron vor dem Kamin und tauschten mit Amerikaner*innen, Chines*innen, Ungar*innen und Eritreer*innen Geschichten über unsere Heimatländer aus.

Unialltag in Stirling

Zurück in Stirling entwickelten wir schnell einen Wochenrhythmus. Wenn ich keine frühen Vorlesungen hatte, schlief ich aus und Dési ging ins Fitnessstudio. Wir verbrachten also nicht 24/7 zusammen, da wir auch noch unterschiedliche Fächer belegt hatten. Ich hatte die drei Fächer „Ethical Issues in Journalism“, „Journalism and Society“ und „Understanding Audiences“. Schnell merkte ich, dass diese Uni anders ist als Zuhause. Jede Woche musste man sich aufs Neue auf die Seminare vorbereiten und viel akademische Literatur lesen. Von fast gar nicht für die Uni Lesen zu wenigstens 100 Seiten englische akademische Literatur für jedes Fach, war eine Umstellung. Die englische Sprache im Unterricht dann schon weniger. Ich hatte nur internationale Dozent*innen, sodass ich nicht über die Bedeutung des Gesagten im schottischen Englisch rätseln musste. Ich konnte sehr viel über UK-Journlalismus und die britische Medienlandschaft lernen.  Am Anfang fiel es mir allerdings schwer, einige meiner schottischen Kommiliton*innen zu verstehen oder die Dame an der Kasse oder den Busfahrer. Ein Zustimmendes Nicken und Grinsen hat mich aus so manch unverständlicher Situation gerettet. Umso schöner waren dann die Gespräche, in denen die Kommunikation stimmig war.

Für die Unizeitung Brig Newspaper habe ich zwei Seniorenstudenten interviewt und dabei nicht nur erfahren, wie sie das Studentenleben erleben, sondern auch, wie typische Schotten drauf sind. Besonders beeindruckt hat mich eine schottische Dame, die im Flugzeug neben mir saß. Sie war 90 Jahre alt und kam gerade von ihrer Reise aus Deutschland zurück, wo ihr Sohn seit 20 Jahren lebt. Wir führten ein lebhaftes Gespräch und wenn wir es nicht taten, war sie damit beschäftigt ihren Roman zu lesen, Sodoku zu machen oder ihr Smartphone zu bedienen. Eine so muntere und agile ältere Dame habe ich selten getroffen.

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Seniorenstudenten Peter und Steve. Foto: Melina Seiler/Screenshot: Brig Newspaper

Stirling Castle und Wallace Monument

Auch in Stirling gab es eine Menge zu erleben. Allen voran durfte eine Besichtigung der Stirling Castel nicht fehlen, in der Queen Mary getauft wurde. Eine ebenso wichtige Sehenswürdigkeit ist das National Wallace Monument, eine Art Turm zu Ehren des schottischen Nationalhelden William Wallace. In der Stadt selber gibt es viele kleine süße Läden und Cafés zu erkunden. Nicht selten habe ich mich in Second-Hand-Shops verloren und dort Unmengen an Büchern gekauft. Über zwanzig englische Bücher habe ich gelesen, sie waren perfekt für regnerische Tage oder Bus- und Zugfahrten auf unseren Reisen.

Auch der Campus mit seinem großen Loch, der kleinen Burg und den vielen Grünflächen ist ein beliebter Ort, um in der Natur zu verweilen oder spazieren zu gehen. Für alle Kletterwilligen gibt es auch den Berg Dumyat hinter unserem Wohnheimkomplex zu erklimmen.

Wann immer wir einen Tag frei hatten, nutzen wir ihn, um noch mehr Orte in Schottland zu erkunden. Edinburgh und Glasgow durften da natürlich nicht fehlen. Dort sahen wir die einzigen Schotten in Röcken als touristische Aattraktion Dudelsack spielen. Meine Highlights in Edinburgh sind auf jeden Fall die große Burg und das Elephant House, in dem J.K. Rowling das erste Harry Potter Buch schrieb. Auch sehr eindrucksvoll sind Calton Hill und Arthur’s Seat mit dem weiten Blick über die ganze Stadt. Ein ebenfalls idyllischer Ort ist St. Andrews, ein kleines Städchen direkt am Meer.

Road Trip durch Schottland

Nach fünf Uniwochen hatten wir eine Woche frei. In der sogenannten „reading week“ waren wir aber nicht mit Lesen beschäftigt, sondern unternahmen zusammen mit zwei Kumpels aus Berlin einen Road Trip durch ganz Schottland. Wir haben ein Auto gemietet und los ging es. Unser Weg an der Küste entlang führte uns nicht nur zu vielen wundervollen kleinen Örtchen mit tollen Stränden, sondern auch zu Burgen. Besonders imposant ist die Dunnotar Castle direkt an der Küste. Längere Stopps legten wir in größeren Städten ein: Dundee, Aberdeen und Inverness. Unsere letzte Nacht verbrachten wir in Oban, einem kleinen Ort mit vielen Schiffen. Auch die Highlands und Loch Ness wollten wir nochmal sehen. Innerhalb von nur vier Tagen haben wir alle Facetten des Wetters erlebt, von sonnigem T-Shirt Wetter zu Schneefall, der uns in den Highlands mehrfach den Weg versperrte, weil andere Autofahrer stecken blieben.

Neben den Reisen, sind es vor allem die Begegnung mit so vielen Menschen aus unterschiedlichen Ländern dieser Welt, die dieses Auslandssemester für mich so wertvoll gemacht haben. Sie haben auch meine Neugier auf die Welt und meine Reiselust nur noch vergrößert. Besonders genossen habe ich die WG-Abende, egal ob im Pub, im Kino oder einfach nur im Wohnzimmer, wir hatten immer eine lustige Zeit und interessante Gespräche.

Weltpolitik im Gespräch

Die Gespräche mit Schott*innen haben mir bewusst gemacht, wie groß der Nationalstolz in diesem Land ist. Das Vereinigte Königreich nach einem englischen Verständnis gibt es dort nicht. Fast alle Schott*innen haben mir erzählt, wie furchtbar sie den Brexit finden und wie sehr sie sich die Unabhängigkeit wünschen und hoffen, dass das Referendum Erfolg haben wird. So wie alle Schott*innen quasi zwangsläufig mit anderen Europäer*innn über den Ausstieg aus der EU sprechen, werden die Amerikaner*innen auf Donald Trump angesprochen. Ein leidseliges Thema, die Amerikaner*innen, die ich kennengelernt habe, wussten schon gar nichts mehr dazu zu sagen, selbst waren sie sehr unglücklich darüber und drückten ihr Unverständnis aus. Ein anderes politisches Thema, auf das mich mehrere angesprochen haben, ist Angela Merkel und ihre Flüchtlingspolitik. Anders als viele Menschen in Deutschland, waren meine Gesprächspartner*innen alle von ihr und ihrer Flüchtlingspolitik begeistert.

Leben, lachen und denken auf Englisch

Nach vier Monaten ist mir meine kleine internationale Familie sehr ans Herz gewachsen, ebenso der wunderschöne Campus, die Vielfalt der Uni, Vorlesungen auf Englisch und die schöne Zeit zusammen mit der Redaktion der Brig Newspaper und den Studierenden aus der International Society, mit denen wir viele Tagesausflüge unternommen haben. Auch die manchmal etwas mürrischen und unverständlichen Schott*innen werde ich vermissen. Ebenso, dass der größte Teil meines Lebens auf Englisch abläuft.

Nie vergessen werde ich wohl den Handwerker, der eines Mittags an unserer Tür klingelte und mehrfach zwei unverständliche Worte brummte. Der gute Mann hatte mehrfach im tiefsten Akzent „blocked shower“ (blockierte Dusche) gesagt, allerdings immer, ohne einen ganzen Satz zu bilden. Kein Wunder, dass wir nur rätseln konnten, was er wollte, vor allem, da wir auch keine blockierte Dusche hatten. Ebenso unvergesslich wird der in den ersten Wochen immer wieder auftretende Feueralarm zu allen Tages- und NACHTzeiten sein, der uns alle Hausbewohner*innen im Schlafanzug bewundern lies.

Schottland ist klein, aber fein. Ein Abstecher nach London hat mir nochmal ein ganz anders Gefühl vermittelt. Großstadtfeeling und englischer Nationalstolz. Ein Ort, der nach neuen und anderen Abenteuern ruft. Auf jeden Fall auch sehr schön und spannend, aber meine Monate in Schottland lassen mich aus schottischer Perspektive auf die große Insel gucken. Eine Einheit sehe ich da nicht, dafür ganz viel Schottland: Wasser, Berge und Burgen.