Bestandsaufnahme: Ist mein Genervt-Sein jetzt schon Activism-Burnout?

Wie lebt es sich als idealistische, aktivistische Frau mit und in den Medien? Wie ist es, als Grenzgängerin in verschiedenen Rollen medial unterwegs zu sein? Wie viel Aktivismus, Bildungsarbeit und persönliche Weiterbildung kann ein Mensch auf einmal leisten und ertragen?

Ich wurde gerade zwei Stunden lang am Telefon interviewt von einem kleinen, aber feinen alternativem Magazin. Das Gespräch war sehr ausführlich und tiefgehend. Ich hatte das Gefühl, dass mein Gegenüber sich wirklich sehr intensiv mit mir und meiner Arbeit auseinandergesetzt hat. Das ist selten und besonders.

Oft kratzen solche Gespräche nur an der Oberfläche, weil im Alltag von Mainstream-Journalismus dafür keine Zeit ist. Das weiß ich als Interviewte als auch interviewende Person. Oft geht dadurch der Kern der Dinge verloren.

Raum für gesellschaftliche Kritik bleibt selten

Besonders gerne werde ich zu den Themen Sexualität, Leben als bisexuelle Frau und nicht-Monogamie befragt oder warum man heute noch Feminismus braucht. Meist kratzen diese Gespräche nur an der Oberfläche. Mir werden einseitige, stereotypisierende Fragen gestellt. Raum für strukturelle, gesellschaftliche Kritik bleibt da selten. Ein Interview mit mir, was ich vor kurzem geteilt habe und was ganz gute Fragen und Antworten hatte, habe ich übrigens selbst geschrieben bzw. per Mail beantwortet. Das ist auf der einen Seite gut, weil so halt kein Scheiß gedruckt wird, aber auf der anderen Seite haben sie dadurch quasi kostenlosen Content erhalten. Ich hätte auch einen bezahlten Artikel, nicht als Interviewform getarnt, dazu schreiben können mit 99 prozentig gleichem Inhalt.

Zurück zu den Fällen, wo tatsächlich Journalist*innen meine Antworten in Interviews weiterverarbeiten:  Wichtig ist oft nur, ob mal wieder jemand einen Dreier mit mir wollte (und nicht warum Bifeindlichkeit ein großes Problem ist) und wie ich mich damit fühle, wie es ist, mit guten Freund*innen zu schlafen oder wie wir Menschen besser über Sex reden können. Puhh. Es werden Fragen gestellt, die schon 100 Mal gestellt wurden und auf die nur erwartbare Antworten kommen können. Denn sie werden so gestellt, dass diese kommen. Alles darüber hinaus was ich sage, wird herausgeschnitten bzw. ausgelassen. Die mir eigentlich wichtigen Botschaften – beispielsweise dass ich mir einen reformierten Sexualkundeunterricht wünsche – kommen kaum vor. Lieber werden Menschen und ihre Lebensweisen sexualisiert und fetischisiert. Voyeuristisch werden sich Probleme angeschaut, ohne nach Lösungen zu suchen. So als hätten sich nicht schon zig Menschen mit dem strukturellen Kern und möglichen Lösungen befasst. Aber die will niemand hören. Ist auch bei vielen anderen Themen so. Lieber eine Schwarze Person zum 100 Mal von rassistischen Erlebnissen erzählen lassen, Frauen von sexualisierter Belästigung und Queers erzählen lassen, dass sie abseits ihrer Queerness ja auch ganz normale Leutis sind. Geil ey.

Ist mein Genervt-Sein jetzt schon Activism-Burnout? Cool, dann habe ich immerhin zweieinhalb Jahre als Aktivistin geschafft. Ist das lang genug? Habe ich genug geleistet liebe Leistungsgesellschaft?

Ich habe das Gefühl, in allen Bereichen woke sein zu müssen

Irgendwie fühlt sich manchmal alles an wie eine Abwärtsspirale. Ich bin stets bemüht, mich immer und immer mehr weiterzubilden in jeder freien Sekunde, auch wenn ich die emotionale Belastung dadurch kaum aushalte. Ich habe das Gefühl, in allen Bereichen woke sein zu müssen. Es allen recht machen zu müssen. Intersektionale Gesellschaftskritik ist für mich essenziell. Umso mehr setze ich mich unter Druck und mache mir Vorwürfe, wenn ich zu einem Thema noch nicht viel weiß – z.B. über Menschen mit Behinderung und Inklusion. Wenn ich Intersektionalität (noch) nicht perfekt performe.

Und dann habe ich mich als weiße Cis-Frau gegen Rassismus und J.K. Rowlings Trans*feindlichkeit positioniert (und natürlich auch eigentlich nicht zum ersten Mal deutlich gemacht, dass Rassismus und Trans*feindlichkeit scheiße sind) und schwupps entfolgen mir wieder ein paar mehr weiße Cis-Menschen, denen ich auf einmal zu radikal bin. Leute, die so ein bisschen weißen, heteronormativen Feminismus ganz nice finden. Ja tschau, euch will ich auf meinen Kanälen eh nicht haben. Aber ich hätte euch gerne eines Besseren belehrt. Hat halt nur nicht geklappt. Bin ich jetzt persönlich gescheitert? Soll ich lieber low-level Feminismus propagieren, der mehr Leute erreicht und Kleinigkeiten verändert oder nicht? Was erreiche ich mit Zweiterem? Wie habe ich meine kostenlos aus dem Fenster geschmissenen Ressourcen optimal genutzt?

Social Media macht mich mehrheitlich nur noch müde

Apropos Menschen auf meinen Kanälen haben wollen. Ich hasse wirklich diese ganzen Scheiß-Nachrichten. Die, in denen ich sexualisiert (belästigt) werde, in denen ich beleidigt werde, in denen mir dumme Fragen gestellt werden à la „Aber was ist denn mit weißen Menschen? Müssen homosexuelle Menschen sich immer so in den Vordergrund drängen?“ Ja, was soll ich da sagen? Bin ja weder BIPoC noch homosexuell. ‚Willst du nicht lieber diese Menschen mit deinem Scheiß belästigen?‘ (Ironie off). Von den ganzen Sexanfragen will ich jetzt gar nicht erst anfangen zu sprechen.

Ich würde wirklich gerne die Funktion ausstellen, dass mir Menschen, mit denen ich nicht vernetzt bin, Nachrichten schreiben können. Aber dann würden mich halt auch all die positiven Nachrichten und journalistischen Anfragen nicht mehr erreichen. Tja, blöd.

Ich habe durch Social Media so viele tolle Menschen kennengelernt. Ich habe so viel von ihnen gelernt, die tollsten Buchempfehlungen erhalten und mich bestärkt und verstanden gefühlt. Aber jetzt macht es mich mehrheitlich nur noch müde. Ich nutze Social Media, um mich zu informieren über Dinge, die in der Szene so abgehen, um mich auszutauschen und um selbst zu informieren mit meiner Arbeit, aber dabei wird man auch immer mehr Zielscheibe. Aber für meinen Job brauche ich zwangsläufig eine Plattform, um meine Arbeit darzustellen. Einen Ort für Austausch. Ich weiß, ich schreibe hier mitnichten bahnbrechende, neue Erkenntnisse. Anderen geht das schon viel länger und schlimmer so. Apropos länger und schlimmer. Immer dieses Messen. Wer darf wann und wozu was sagen? Wer darf wann was kritisieren und beklagen? Es gibt doch immer noch Leute, denen es schlimmer geht.

Ich bin niemandem kostenlose Bildungsarbeit schuldig

Man kann es sich kaum vorstellen, aber manchmal möchte ich tatsächlich einfach nicht einen einzigen Gedanken an Politik und gesellschaftliche Unterdrückungen verschwenden. Ich will Feierabend und Spaß haben. Aber entweder tausche ich mich dann doch wieder mit Leidensgenoss*innen aus, was auf gewisse Weise ja auch gut tut, weil man sich gegenseitig versteht, oder aber ich werde von unpolitischen Freund*innen, Bekannten und Randoms Löcher in den Bauch gefragt. So viele Löcher, dass von mir nichts mehr übrigbleibt. So als stünde ich 24/7 jeder noch so dummen, uninformierten, unreflektierten und/oder ignoranten Person kostenlos zur Verfügung, um sie erst zu informieren und um zum Dank anschließend kritisiert und beschimpft zu werden.

Ja sorry Leute, ich kann euch nicht in fünf Minuten das Wissen geben, was ich mir in 100+ Büchern, Gesprächen und Stunden intensiven Denkens angeeignet habe. Und nein, ich kann mich nicht mal locker machen oder weniger stressen. Ich hasse es, dass alle ständig von mir erwarten, zu allem Standpunkt beziehen zu können. Natürlich nur, wenn ich 100 Studien zitieren kann. Um dann zu hören, dass Wissenschaft ja eh nicht zu trauen sei. Haha. Ja, elitäre weiß cis-männliche Wissenschaft ist biased, aber das meint ihr nicht.

Kann ich meine Online-Visitenkarte löschen?

Der ganze Scheiß hier strengt wahnsinnig an. Ich habe das Gefühl, er macht auch sehr einsam. Ich denke immer öfter daran, einfach erstmal eine Weile medial abzutauchen. Wäre vielleicht auch besser für meine Master Arbeit. Aber ach ne, dafür brauche ich ja auch den Zugriff auf mein digitales Netzwerk. Also vielleicht nur punktuell Apps löschen, aber keine Accounts deaktivieren oder löschen? Wäre ja auch dumm, ne? Ist ja schließlich meine Online-Visitenkarte. Steht in meinem Lebenslauf.

Mein Respekt an alle Leute, die diesen Spagat geregelt bekommen. Ihre Mechanismen gefunden haben, um das alles auszuhalten. Die das alles schon viel länger und intensiver betreiben.

Ich probiere jetzt die Mitte zu wählen. So als ob es die gäbe. Ich probiere, Social Media weniger und bewusster zu nutzen. Weiterhin Content zu posten, wenn ich dafür Zeit und Lust habe, aber nicht 100 Mal am Tag auf Instagram zu hängen. Zudem werde ich daran arbeiten, mich nicht mehr 24/7 mit gesellschaftlichen Missständen auseinanderzusetzen. Bisher sah es so aus, dass ich das rund um die Uhr getan habe: auf der Arbeit, im Studium, mit meiner unbezahlten Arbeit (Social Media, Podcast, Kolumne, Bücher etc.) und in meiner Freizeit – z.B: gesellschaftskritische Bücher lesen, auf Instagram „abhängen“, mit Freund*innen über Politik qatschen sowie auf Veranstaltungen und Demos.

Ich bin mal gespannt, wie gut es mir gelingt, einen neuen Weg einzuschlagen. Ich will mich weniger unter Druck setzen mit allem. Ich will mehr nachhaltig und langfristig denken und arbeiten als kurzfristig. Und ich will leben.

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